Neubaugebiet Wichelkoppeln : Ein Erdeisspeicher für Schleswig

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Noch deutet hier nichts auf besonders nachhaltige Energiesysteme hin: das Gelände am Kattenhunder Weg.
Noch deutet hier nichts auf besonders nachhaltige Energiesysteme hin: das Gelände am Kattenhunder Weg.

Stadtwerke planen in dem Areal am Kattenhunder Weg ein innovatives System der Energietechnik.

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10. Juli 2019, 17:42 Uhr

Schleswig | Spätestens seitdem die Grünen in der Ratsversammlung Ende Juni im Rahmen einer Aktuellen Stunde mehr Klimaschutz in Schleswig gefordert haben, ist er in aller Munde: der Erdeisspeicher, der künftig im geplanten Neubaugebiet An den Wichelkoppeln für Wärme sorgen soll. Und zwar auf modernste und klimaschonende Art und Weise. „Damit gehen wir ganz neue Wege und sind deutschlandweit, und sogar darüber hinaus, ein echter Vorreiter“, sagt Jürgen Augustin, Technischer Leiter bei den Schleswiger Stadtwerken.

Tatsächlich ist das System so innovativ und neu, dass es von der Bundesregierung im Rahmen eines Energieforschungsprogramms mit rund drei Millionen Euro gefördert wird. Neben den Stadtwerken sind unter anderem auch die Universität Erlangen-Nürnberg und die Technischen Universitäten Dresden und Aachen mit im Boot. Denn: „Erdeisspeicher gibt es auch an anderen Orten in Deutschland. Aber nicht so groß wie wir ihn bauen wollen“, sagt Augustin. Man habe in den vergangenen Jahren viel Erfahrung mit moderner und CO2-neutraler Energieversorgung sammeln können. „Das weckt das Interesse auch bei anderen Anbietern. Viele kommen zu uns, um sich anzuschauen, wie wir hier arbeiten.“ Durch den Erdeisspeicher, da ist sich Augustin sicher, werde sich dieser Trend noch verstärken.

Herzstück des neuen Projektes ist ein Rohrsystem, das über mehrere Etagen im Boden verläuft. Und zwar über einem neuen Regenrückhaltebecken, das im Norden der Wichelkoppeln geplant ist. Das Wasser daraus, so erklärt Augustin, sei der Energieträger. Innerhalb der Rohre wird es mit Glykol angereichert – damit es nicht gefriert. Denn das Erdreich rund um das Leitungssystem wird kontrolliert eingefroren. Während des Phasenwechsels von warm zu kalt wird dann von dem in der Erde gebundenen Wasser eine große Energiemenge bereitgestellt. Die Häuser der Kunden werden parallel dazu mit Wärmepumpen ausgerüstet. Diese sollen im Winter für Wärme und im Sommer dann für Abkühlung innerhalb der vier Wände sorgen.

Klingt kompliziert, ist auch kompliziert. Genau deshalb interessiert sich auch die Wissenschaft brennend für die Technologie. Und da es sich um ein Forschungsprojekt handelt, sollen bis Ende Februar 2022 (bis dahin ist das Projekt angesetzt) allerhand Daten gesammelt und Tests gemacht werden. Etwa wie sich das System mit anderen Formen der Energiegewinnung und -nutzung verträgt. Welche Auswirkungen die Vereisung auf das Erdreich und damit die Umwelt hat. Und was der Kunde am Ende davon hat. All das soll, so Augustin, möglichst transparent ausgewertet werden.

„Die sogenannte kalte Nahwärme, mit der wir Teile des Berender Redders oder auch Wohngebiete in Rieseby oder Gelting versorgen, hat sich sehr gut bewährt. Wir gehen fest davon aus, dass das mit dem Erdeisspeicher auch der Fall sein wird“, sagt Augustin. Man sei bei den Stadtwerken froh und stolz, dieses Forschungsprojekt ausführen zu können. Dafür wurden eigens zwei Ingenieure eingestellt. Projektleiter ist Thorsten Bock.

Bleibt allerdings noch eine Hürde, damit der Erdeisspeicher tatsächlich wie geplant in Betrieb genommen werden kann: Der Beginn der Erschließungsarbeiten für das Neubaugebiet verzögert sich, nachdem der B-Plan nochmals abgeändert werden musste (wir berichteten). Ursprünglich war geplant, dass hier schon 2020 die ersten Häuser stehen. Da es parallel dazu personelle Engpässe im Bauamt gibt, hat Johannes Thaysen von den Grünen in der Ratsversammlung noch einmal Alarm geschlagen. Die vom Bund zugesagten Fördermittel seien an eine Zeitvorgabe gekoppelt. Er habe große Sorgen, dass die Stadt am Ende eine beachtliche Summe zurückzahlen muss. Ein Szenario, das nicht ausgeschlossen ist.

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