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Postillon-Premiere in Schleswig : Ein Dauerfeuer der Wortklaubereien

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

„Der Postillon“ startet in der Schleswiger „Heimat“ seine Deutschland-Tournee – und kommt mit seiner Satire beim Publikum gut an.

Wie es ist, vor einem echten Publikum aus Fleisch und Blut zu bestehen – das wollen die Witzemacher vom satirischen Internet-Magazin „Der Postillon“ nun wissen. Bisher ausschließlich im Netz und im Fernsehen vertreten, wo nach eigenen Angaben mehr als zweieinhalb Millionen Nutzer stündlich oder gar minütlich auf neue Geistesblitze von ihnen warten, gehen sie nun mit einer Liveshow auf Tour. Die soll im Stile einer seriösen Nachrichtensendung präsentiert werden, hinter der sich tatsächlich aber lauter Gags und Falschmeldungen verbergen. Als Auftakt zur Deutschland-Tour, die durch mindestens 25 Städte führen wird, hatte das „Postillon“-Team am Freitagabend die „Heimat“-Bühne auf der Freiheit gewählt. „Eine Ehre für uns und für Schleswig“, befand Mario Hoff vom Varieté-Theater. Mehr als 300 Besucher waren gekommen.

Und? Wie bewerten nun die Bühnenakteure vom Postillon selbst ihren ersten Offline-Auftritt vor Schleswiger Publikum: Hatte es, wie erhofft, genügend Scharfsinn und Reaktionsschnelle gezeigt in diesem Dauerfeuer der Wortklaubereien und Anspielungen? Kamen die Lacher zur rechten Zeit an richtiger Stelle?

„Oh ja“, sagt Hauptdarstellerin Anne Rothäuser gegenüber unserer Zeitung während der Vorstellungspause in der Garderobe, „es hat alles sehr gut funktioniert.“ Ihr Bühnenpartner Thieß Neubert – zusammen mimen beide in der Show das seriös anmutende Nachrichtensprecher-Duo – nickt ebenfalls zufrieden: „Unser Debüt ist gelungen, scheint mir. Und wir spüren viel Zustimmung vom Publikum hier. Das freut uns sehr.“

Gleich zu Beginn kam Heiterkeit unter den Zuschauern auf, weil die Show frech angekündigt wurde als „billig und lieblos – und sowieso auch längst auf YouTube zu sehen“. Die meisten Zuschauer sparten nicht mit Beifallsbekundungen, etwa beim täuschend echt aufgemachten Newsticker mit der Schlagzeile: „‚Ständig wird hinter meinem Rücken geredet‘: Busfahrer klagt über Mobbing am Arbeitsplatz“.

Oder dies: Zum Sturmtief „Xavier“ vermeldet „Der Postillon“ (medienmäßig abgekürzt unter dpo), dass sich der Sturm auch auf den Berliner Großflughafen auswirke: „Beide Arbeiter dort haben ihre Tätigkeiten aus Sicherheitsgründen vorübergehend eingestellt“, heißt es. Der Brandschutzexperte und der Maurergeselle errichteten seit 2006 den Flughafen gemeinsam. Die nun liegengelassenen Arbeiten müssten in den kommenden Monaten und Jahren nachgeholt werden, was wohl die Kosten für den Bau nach ersten Schätzungen um 15 bis 20 Millionen Euro hochtreiben werden werde.

Wo Ironie und Spott zu Hause sind, darf einer natürlich auf gar keinen Fall fehlen: Donald Trump. Speziell Trump und seine Mauer zu Mexiko. Die Meldung dazu lautet: Ikea habe für die US-Regierung einen entsprechenden Bausatz im Angebot – nämlich den „Börder Wåll aus Presspappe mit Birkenoptik“. Trump lasse nun das Angebot prüfen, sagte der Postillon-Sprecher Thieß Neubert mit dem typischen Blick und dem Habitus eines Claus Kleber oder eines Jan Hofer von der Tagesschau.

Aber nicht alles in der Vorstellung gefiel jedem. Manches ließ dann doch die Mundwinkel eher zögerlich nach oben gehen, weil zu viele Wortklaubereien irgendwann müde machen. Deutliche Zurückhaltung war spürbar bei einem Witz über Waffennarren im Zusammenhang mit dem Attentat von Las Vegas. Ebenso, als es in einem anderen Gag um Kindesmissbrauch ging. Da lief über den Pseudo-Newsticker der Satz: „Spätzünder: Priester vergeht sich mit 70 Jahren an Ministrant“.

„Das fand ich nicht gut“, meinte anschließend Besucherin Monika Sudholz, die sich als Stammgast in der „Heimat“ bezeichnet. Das Programm an sich habe ihr sehr gut gefallen, sie lese auch regelmäßig die Satire im Internet, aber bei Kindesmissbrauch oder etwa schlimmen Attentaten höre für sie der Spaß auf.

Doch das sehen die Macher der Satireshow anders. Für sie gebe es ein Zurückweichen auch vor belastenden Themen nicht, erklärt Peer Gahmert als einer der Autoren der Postillon-Bühnenshow gegenüber unserer Zeitung: „Satire muss weh tun, auch bei diesen Themen.“ Noch während der Show feilt er an manchen Zeilen, die in den nächsten Minuten vorgetragen werden.

Und dann war da noch der Witz mit der Rentnerklappe – einer neuen Möglichkeit zur Entsorgung lästig gewordener alter Angehöriger. Über diese Art der Ironie jedoch konnte der Schleswiger Peter Ohem (69) herzlich lachen. Es sei für ihn und seine Lebenspartnerin ein lustiger und anregender Abend gewesen, meint er.

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