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Kreis Schleswig-Flensburg : Dorfpolizisten schlagen Alarm

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Die Personaldecke auf dem Lande wird immer dünner. Polizisten im Kreis Schleswig-Flensburg müssen oft lange Wege zurücklegen, bis sie am Einsatzort sind.

Im Jahr 2013 verzeichnet die Polizeistatistik im Kreis Schleswig-Flensburg 264 Einbrüche. Im vergangenen Jahr zeigte die Kurve weiter nach oben. Die Aufklärungsquote hingegen lag nur bei 15,9 Prozent – nach Informationen aus Polizeikreisen mit fallender Tendenz. Selbst wenn Hausbewohner die Eindringlinge bemerken, ist schnelle Hilfe kaum zu erwarten. Wenn man Glück hat, patrouilliert ein Polizeifahrzeug in der Nähe, doch oft ist das Gegenteil der Fall. Aufgrund der Strukturreform und der Neuschneidung der Reviere im ländlichen Raum muss die Polizei häufig aus weiter Entfernung zum Tatort kommen. Schnelle Hilfe durch den Dorfpolizisten ist schon lange nicht mehr möglich. Waren es im vergangenen Jahr die Bürgermeister der Landgemeinden, die Alarm schlugen, so meldet sich jetzt die Polizei selbst warnend zu Wort.

Seit 1998 wurden durch wechselnde Landesregierungen bereits 557 Polizeidienstposten eingespart, bis 2020 sollen noch einmal 282 Dienstposten abgebaut werden. Davon sind 160 bereits seit längerer Zeit nicht mehr besetzt. Während die Politik die Situation schönredet – wie Innenminister Stefan Studt (SPD) kürzlich bei einem Besuch in Angeln mit der Aussage „Die Einsatz- und Ermittlungsfähigkeit im ländlichen Bereich wird nicht beeinträchtigt“ – sehen das viele Polizeibeamte vor Ort ganz anders, wie in vertraulichen Gesprächen mit unserer Zeitung herauskam. „Sicherheit im ländlichen Bereich wird nur noch vorgegaukelt“, berichtet ein Beamter, der seit vielen Jahre seinen Dienst in Angeln verrichtet und seit fünfzehn Jahre eine Polizeireform nach der anderen mitgemacht und erlitten hat. Besonders betroffen sei der ländliche Bereich. Die Reviere seien immer größer geworden. Um trotz weniger Personal präsent sein zu können, wurden ländliche Polizeistationen zusammen gelegt. Doch auch die seien oftmals nicht besetzt, erklärt der erfahrene Polizist.

„Der fehlende Kontakt zu den Bürgern wirkt sich natürlich bei der Kriminalitätsbekämpfung aus“, weiß ein anderer Beamter zu berichten, der nach mehrmaligem Wechsel seiner Dienststelle die Situation kennt. Hinzu komme, dass nicht mehr der Polizeibeamte mit Ortskenntnis einen Fall bearbeite, sondern oftmals Beamte aus entfernt liegenden Polizeistationen.

Michael Carstensen, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei im Norden, weiß um die „Bauchschmerzen“ seiner Kollegen, berichtet von schwindender Motivation. Der Personalabbau, die Personalverschiebungen der letzten Jahre hätten sich negativ ausgewirkt. Der Gewerkschaftler kritisiert die Argumentation der Landesregierung. „Nur weil die Landesregierung dies immer wiederholt, wird es nicht besser“, so Carstensen, der zudem moniert, dass der Schwerpunkt der aktuellen Regierung sichtbar nicht im Bereich innere Sicherheit liege. Hier wäre ein Umdenken erforderlich. „Wer meint, dass er heutzutage Personal bei der Landespolizei abbauen kann, während die Aufgabenverdichtung immer mehr zunimmt, kann doch nicht ernsthaft meinen, dass es in keinem Bereich zu Qualitätsverlusten kommen wird“, betont der Personalvertreter.

In Flensburg, Schleswig und Kappeln sind für den Kreis und die Stadt Flensburg die Reviere neu eingerichtet worden. Das Revier Kappeln reicht bis nach Tarp im Westen. Das bedeutet für die in Tarp stationierte Nachtstreife ein Einsatzgebiet bis nach Mittelangeln. Was bei einem Notfall gravierend sein könne, denn schnelle Hilfe sei so kaum zu leisten, bei ungünstigen Witterungsverhältnissen sogar unmöglich, weiß ein Nachtstreife fahrende Polizeibeamter zu berichten. „Der Bürger nimmt den Polizeibeamten nur noch sporadisch im vorbei fahrenden Pkw wahr“, spöttelt er.
In der Praxis bedeutet die Präsenz auf der Straße in einem großen Revier mit weniger Personal zudem, dass die Zeit für die Bearbeitung der Vorgänge in den Polizeistationen fehle. Und: „Wer dringend Hilfe benötigt und warten muss, bis die Streife vom anderen Ende des Revieres eintrifft, hat schlechte Karten.“

Weitere politische Entscheidungen haben aus Sicht von Beamten und Polizeigewerkschaft die Moral geschwächt. So habe es die Politik in den vergangenen Jahren verstanden, auf dem Rücken der Polizeibeamten diverse Einsparungen umzusetzen, Urlaubsgeld und Weihnachtsgeld seien gestrichen, der Eintritt in den Ruhestand nach hinten verschoben worden. Auch ältere Beamte müssten wieder Nachtschichten schieben. Dagegen stünden offene Grenzen mit steigender, auch internationaler Kriminalität. Ein Polizeibeamter sagt es deutlich: „Wir haben bisher Glück gehabt, dass durch zu spätes Eintreffen der Polizei Menschen nicht gravierend zu Schaden gekommen sind.“

 

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