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Schleswiger Nachrichten

23. Oktober 2017 | 08:56 Uhr

Schleswig : Die Vision vom Gesundheitsstandort

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Vor drei Jahren wurde das „Trill-Gutachten“ präsentiert – ein Plan für die Weiterentwicklung Schleswigs zur Gesundheits-Metropole. Geschehen ist seither nichts.

von
erstellt am 11.Okt.2015 | 08:05 Uhr

„Die Region hat Potenzial, sich zu einem gesundheitstouristischen Standort zu entwickeln – sie ist es noch nicht!“ Das ist die Kernaussage des so genannten Trill-Gutachtens. Und das ist nun immerhin bald drei Jahre alt. Im November 2012 hatte der Flensburger FH-Professor Roland Trill seine im Auftrag der Stadt erstellte Studie im Rathaus abgeliefert. Und was ist seitdem passiert? „Wir haben drei Jahre verplempert“, findet Professor Rainer Winkler von der Bürgerinitiative Zukunftswerkstatt. „Das Gutachten versauert in der Schublade“, klagt der frühere Chefarzt im Martin-Luther-Krankenhaus.

Winkler kritisiert, dass niemand die Initiative ergreife, um die in dem Gutachten skizzierten Chancen zu nutzen. Die Tourismusorganisation Ostseefjord Schlei GmbH (OFS) etwa erkenne nicht, welche Dimension eine Vernetzung mit dem ersten Gesundheitsmarkt habe. Selbst hat der 75-Jährige klare Vorstellungen, wie man den Gesundheitsstandort Schleswig voranbringen könnte. Großes Potenzial sieht er zum Beispiel im Bau eines Pflegehotels. Wer einen Angehörigen zu Hause pflege, könne in der Regel keinen Urlaub machen. In einem entsprechenden Hotel hingegen würden die Pflegebedürftigen betreut, während sich die Angehörigen erholen. In diesem Sektor sei Schleswig-Holstein wenig erschlossen. Ein solches Hotel rechne sich ab 80 bis 100 Betten und würde rund 50 Arbeitsplätze schaffen.

Realisiert werden könnte das Projekt seiner Ansicht nach zum Beispiel auf dem Gelände des abgerissenen Theaters – vielleicht in Kombination mit dem Bau einer Stadthalle. Für ein solches Vorhaben sei natürlich ein Investor nötig. So könne sich die Nordzucker AG grundsätzlich ein Engagement vorstellen, weiß Winkler. Doch nach den bisher schlechten Erfahrungen mit der Stadt hinsichtlich der Weiternutzung des Geländes der ehemaligen Zuckerfabrik würde der Konzern von sich aus nicht mehr die Initiative ergreifen.

Auch in der Behandlung von Demenz- oder Burnout-Patienten sieht der ehemalige Chirurg Potenzial. „Das ist eine riesige Klientel.“ Schleswig als Standort der Fachklinik sei dafür geradezu prädestiniert. Die Behandlung eines Burnout-Patienten dauere im Schnitt neun Monate. Eine lange Zeit, in der auch die Angehörigen in die Stadt kämen. Schließlich könne Schleswig parallel mit seinen Pfunden Natur und Kultur punkten. Winkler geht von zweistelligen Millionenbeträgen aus, die zu generieren wären. Auf dem zweiten Gesundheitsmarkt – zu dem nicht durch die Krankenkassen abgedeckte Angebote wie zum Beispiel Wellness und Fitness zählen – sieht er hingegen kaum Perspektiven. „Dieser Markt ist derartig umkämpft. Da ist es für Schleswig schwer, Terrain zu gewinnen.“

Das sieht Stefan Wesemann, IHK-Geschäftsstellenleiter in Schleswig, anders: „Wir müssen uns auf den zweiten Gesundheitsmarkt konzentrieren.“ Zu dieser Erkenntnis sei auch die nach Vorlage des Trill-Gutachtens einberufene Lenkungsgruppe gelangt, der er selbst angehörte. Die OFS habe daraus die richtigen Lehren gezogen und die „Langsamzeit“-Kampagne ins Leben gerufen. Ein Erfolgsmodell, wie Wesemann findet. Und wie wäre es mit einem Pflegehotel für Schleswig? Wesemann ist skeptisch: „Potenzial ist vorhanden. Aber reicht das aus, um einen Investor zu finden?“ Schleswig seien als Gesundheitsstandort natürliche Grenzen gesetzt. „Die Stadt hat keine Tradition als Kurort.“

Klinikbetreiber Helios gibt sich indes zurückhaltend. „Wir sind der Hauptspieler auf dem ersten Gesundheitsmarkt und investieren gerade massiv in ein neues Krankenhaus“, sagt Geschäftsführer John Friedrich Näthke. Darauf wolle man sich konzentrieren. An einem Netzwerk würde man sich allerdings beteiligen.

Winkler weiß um die unterschiedlichen Interessen. Er fordert einen „Treiber“, der die Entwicklung zum Gesundheitsstandort koordiniert. Das könne der frühere Klinikmanager Carl Hermann Schleifer oder Hans-Werner Berlau, Vorsitzender der Aktivregion Schlei-Ostsee, sein, schlägt Winkler vor. Dass Bürgermeister Arthur Christiansen das Heft des Handelns in die Hand nimmt, glaubt er nicht. „Nirgendwo ist seine Handschrift erkennbar. Ich habe die Hoffnung aufgegeben, dass von ihm irgendeine Initiative ausgeht.“ Christiansen selbst betont, dass das Thema nicht alleine von der Stadtverwaltung umgesetzt werden könne. Es räumt ein: „Das Thema Gesundheitsstandort steht auf der Agenda, aber nicht an erster Stelle.“

So wird es wohl nichts mehr werden mit dem großen Wurf, den sich ein Rainer Winkler wünscht. Denn schon Roland Trill war in seinem Gutachten zu dem Schluss gekommen: „Die Umsetzung setzt den (einheitlichen) Willen aller Beteiligten voraus!“

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