"Die Tracht des Nordens"

Im 'Beowulf' bei Martje Hasselbach gehören Äxte und Amulette zu den Verkaufsschlagern.
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Im "Beowulf" bei Martje Hasselbach gehören Äxte und Amulette zu den Verkaufsschlagern.

Schleswig als Hauptstadt der Hobby-Wikinger - davon profitiert auch der Handel in zunehmendem Maße

shz.de von
24. Mai 2012, 07:08 Uhr

Schleswig | In der Wikinger-Szene waren Ralf Matthies und Martje Hasselbach schon seit einigen Jahren aktiv. Das Ehepaar aus Schwansen nahm an den jährlichen Wikingertagen teil und bot seine Waren auf Mittelalter-Märkten und im Internet an. Vor einigen Monaten machte es nun seinen Traum wahr und eröffnete im Lollfuß das Geschäft "Beowulf". In diesem schmücken Amulette aus Bronze und Silber, Schnitzereien, Thorshammer, Trinkhörner in allen Großen und der Honigwein Met die Auslagen und Regale. Inhaber Matthies sieht seinen Laden als Ergänzung zu den bestehenden Museen und Händlern, die sich mit dem Thema Wikinger beschäftigen. "Wir möchten die reiche Geschichte der Region noch einmal anders präsentieren."

In den nächsten Monaten will er noch einige Umbauten in dem Geschäft vornehmen, um im hinteren Teil des Gebäudes Platz für Vorträge über die Wikingerzeit und Autoren-Lesungen zu schaffen. Seine Frau berichtet derweil, dass der "Beowulf" einen sehr breiten Kundenstamm ansprechen möchte. "Zu uns kommen sowohl Archäologie-Studenten, die sich für die regionale Geschichte interessieren, als auch Touristen, die einfach nur ein Souvenir kaufen möchten." Das Besondere an den Wikingern macht für sie die Heimatnähe aus. "Wer sich einmal als Wikinger verkleiden möchte, der kann außerdem sehr kreativ sein." Während man sich in Bayern die Lederhosen anziehen würde, trage man in Schleswig Wikinger-Kleidung. "Man könnte sie sogar als Tracht des Nordens bezeichnen", erklärt Hasselbach mit einem Augenzwinkern.

Ähnliches hört man von Anna Cohrt, Verkäuferin der "Thors-Schmiede" in der Buchhandlung Liesegang. "Die Faszination an den Wikingern ist für viele das Rauskommen aus dem Alltag. Sobald man sich ein Gewand angezogen hat, vergeht der Stress." In dem Kult um Wikingerhelm, Thorshammer und Met sieht sie sogar einen wichtigen Bildungsaspekt. "Wenn man sich erstmal aus Spaß mit den Wikingern beschäftigt hat, dann kommt das geschichtliche Interesse an dieser Zeit von ganz alleine." Selbst Menschen aus Australien würden mittlerweile bei ihr bestellen. "Ansonsten trifft man vom Arzt bis zum Schüler jeden bei uns an."

Auch Kaj-Uwe Dammann, Veranstalter der Wikingertage, kann von einem gestiegenen Interesse an den Wikingern berichten. "Sie sind mittlerweile sogar in der Werbebranche populär geworden." Die kriegerischen Beutezüge, welche die Seeleute immer wieder führten, würde man hier gerne mal in den Hintergrund rücken. Die zunehmende Nachfrage nach Veranstaltungen und Waren rund um die Wikingerzeit, begründet Dammann durch die entstandenen Fachgeschäfte und seine Wikingertage. "Sie haben das ohnehin schon große Interesse noch einmal gefördert." Auch die neuen Ausgrabungsfunde bei Füsing hätten dem Wikinger-Kult gut getan.

Ein wenig kritisch sieht Harm Paulsen, Vorsitzender der Wikingergruppe "Opinn Skjold", die Bewegung. So würden viele mit den Wikingern Freiheit und spektakuläre Beutezüge verbinden. "Wenn man sich allerdings näher mit ihnen beschäftigt, merkt man, dass nur sehr wenige geplündert haben." Aus diesem Grund würde sich sein Verein eher mit dem identifizieren, wie es wirklich war, und nicht mit dem, wie es das Fernsehen darstelle. Auf besondere Trachten möchte jedoch auch er nicht verzichten. "Wenn wir Feste haben, tragen wir natürlich auch entsprechende Kleider."

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