zur Navigation springen

Schleswig : Die Schmid-Villa: Das umstrittene Erbe des Mobilcom-Gründers

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Sie ist gerade einmal 15 Jahre alt – und schon ein Fall für den Abrissbagger: Die Villa am Stadthafen, die einst dem Mobilcom-Gründer Gerhard Schmid gehörte, soll einer Senioren-Wohnanlage weichen.

Schleswig | Die Lage des Grundstückes Plessenstraße 1b ist unbestritten schön. So schön, dass sie auch dem einstigen Liebling des „Neuen Marktes“, Gerhard Schmid, ins Auge fiel. Der hatte 1991 die Mobilcom gegründet und begonnen, Handys in Schleswig-Holstein zu vermarkten – mit einer einzigen Mitarbeiterin. Es sollten einmal über 5000 werden.

Das Unternehmen wuchs schnell: Der Umsatz überstieg bald die damalige 100 Millionen Mark-Schallgrenze, 1997 brachte Schmid es als eine der ersten Aktiengesellschaften an den Neuen Markt. Auf dem Papier waren Schmids Anteile an dem von ihm gegründeten Unternehmen Mobilcom sagenhafte sieben Milliarden Euro wert. Das war die Zeit, als der Maurer-Sohn aus dem Fränkischen zum Milliardär aufgestiegene Unternehmer seine Hochzeit mit 500 Gästen auf einem Mississippi-Dampfer auf der Schlei feierte und niemand an das böse Ende dachte. Und selbstverständlich legte die Stadt Schleswig Ende der 90er Jahre dem scheinbar so Erfolgreichen auch keine Steine in den Weg, das Top-Arial zu erwerben.

Schmid, damals einer der reichsten Deutschen, durfte die nach ihm benannte Villa im in unbestimmbarem Niedersachsenhaus-Stil errichten. Allerdings ging nicht jeder seiner Wünsche in Erfüllung: Gegenüber dem Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag (sh:z) erklärte der Ex-Milliardär, dass er auf diesem Grundstück eigentlich die neue Firmenzentrale für sein wachsendes Unternehmen bauen wollte. Er durfte aber nicht – wegen der Sichtachse auf den Dom. Und genau darum geht es im aktuellen Streit um die Villa.

2,35 Millionen von den Stadtwerken

Nach der Insolvenz des Schmid-Imperiums stand die Villa lange leer, bis die Schleswiger Stadtwerke die Immobilie im November 2012 für 2,35 Millionen Euro von Sybille Schmid-Sindram, der Ex-Frau des Mobilcom-Gründers Gerhard Schmid, gekauft – im Paket mit einem unbebauten Grundstück am Stadthafen, auf dem die Stadtwerke daraufhin ihren neuen Wohnmobilstellplatz einrichteten. Die hohe Kaufsumme setzte die Stadt allerdings unter enormen Druck, das Gelände über die dadurch gesicherte Weiterentwicklung des Wohnmobilplatzes an der Schlei gewinnbringend zu nutzen. „Wir können dieses Grundstück nicht einfach ungenutzt liegen lassen. Wenn es in seiner jetzigen Form Entwicklungspotenzial hätte, wäre es von den Stadtwerken schon längst in Wert gesetzt worden“, erklärte damals Bürgermeister Arthur Christiansen.

Vor dem Dom: Die leer stehende Schmid-Villa wurde vor gut 15 Jahren gebaut.
Vor dem Dom: Die leer stehende Schmid-Villa wurde vor gut 15 Jahren gebaut. Foto: Jensen

Und so kam der Busdorfer Projektentwickler Uwe Hahn mit seinem Projekt gerade recht. Die Schmid-Villa sollte abgerissen werden und auf dem Gelände am Stadthafen eine fünfstöckige Anlage mit 50 seniorengerechten Wohnungen gebaut werden. Als der Bauausschuss im letzten Jahr dann beschloss, einen entsprechenden vorhabenbezogenen Bebauungsplan aufzustellen, frohlockte Christiansen: „Wir senden ein Signal, dass wir das Grundstück nicht einfach liegen lassen, nur weil der Widerstand zu groß ist und irgendwelche Leute rumquaken.“

Doch da hatten die Politiker an der Schlei die Rechnung ohne die Bürger gemacht. 70 von ihnen, darunter der Grünen-Vertreter Steffen Hempel, gründeten eine Initiative „Bürgerbegehren Grundstück Schmid-Villa“. Bereits am 9. Februar konnten sechs Vertreter der Initiative im Rathaus die gesammelten Unterschriften abzuliefern. Bürgermeister Arthur Christiansen nahm Listen mit 2458 Namen entgegen. Das heißt: Fast jeder achte wahlberechtigte Schleswiger hatte sich am Bürgerbegehren beteiligt. Das erforderliche Quorum – 1600 Unterschriften – war damit deutlich übertroffen.

Nun muss die Kommunalaufsicht im Kieler Innenministerium prüfen, ob das Bürgerbegehren formal korrekt war. Das wird innerhalb von sechs Wochen geschehen. Lob bekamen die Schleswiger auch vom Erbauer der Villa. „Es sind durchaus keine Traumtänzer, die im Umfeld des Doms und direkt an der Schlei eine beschauliche Bebauung fordern. Das sind verantwortliche Bürger, die nicht wollen, dass sich die Sünden der Vergangenheit wiederholen“, schrieb Gerhard Schmid in einer E-Mail an unsere Zeitung.

Jetzt die überraschende Wende

Nachdem Stadt und Investor bereits angekündigt hatten, auf das fünfte Geschoss zu verzichten, führte der Bürgerprotest nun zum überraschenden Stopp für das Großprojekt. Am vergangenen Freitag trafen sich in Schleswig die Vorsitzenden der Ratsfraktionen, Bürgermeister Arthur Christiansen und Stadtwerke-Chef Wolfgang Schoofs mit Vertretern der Bürgerinitiative. Ergebnis: Die Pläne für fünfstöckige Wohnblocks am Stadthafen sind vom Tisch. Wenn dort etwas Neues gebaut wird, dann in deutlich kleinerer Form. Damit wird die Ratsversammlung auf ihrer nächsten Sitzung, die für den 27. April vorgesehen ist, aller Voraussicht nach genau das beschließen, was das Bürgerbegehren verlangt: Der Aufstellungsbeschluss für den Bebauungsplan wird zurückgenommen. Ein Bürgerentscheid, zu dem alle Schleswiger Bürger an die Wahlurne gerufen werden, wäre dann nicht mehr erforderlich.

Allerdings heißt das nicht, dass sich der Investor Uwe Hahn ganz von seinem Vorhaben verabschieden muss, auf dem Grundstück eine Anlage mit seniorengerechten Wohnungen zu bauen. Auf dem informellen Treffen Freitagnachmittag hinter verschlossenen Türen wurden neue Entwürfe von zwei Architekturbüros vorgestellt, die am Dienstag im Bauausschuss auch öffentlich gezeigt werden sollen. Beiden ist gemeinsam, dass die Gebäude deutlich niedriger sind als bisher geplant. In ihrer Höhe orientieren sie sich an den Nachbargebäuden in der Plessenstraße. Einer der Entwürfe sieht auch eine touristische Nutzung auf Teilen des Grundstücks vor. Darüber sollen nun alle Schleswiger Bürger diskutieren, und zwar auf einer Einwohnerversammlung, die entweder Ende April oder Anfang Mai stattfindet.

zur Startseite

von
erstellt am 29.Mär.2015 | 15:58 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen