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Diskussion um richtige Bezeichnung : „Die Schlei ist kein Fjord“

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Für die Tourismusbranche in der Region geht Marketing vor Wissenschaft – nicht jedem gefällt das.

von
erstellt am 28.Sep.2014 | 07:31 Uhr

„Du bist kein Strom,
kein erdgenährter Fluss.
Du schleppst nicht Steine und
nicht Ackerkrumen bodenzerwühlend
und nagend an das Meer.
Du bist die Meerestochter selbst,
von Götterlaune ausgespielt ins Land,
hineingestoßen in des Bodens Kruste,
dass seine Seele sich in dir verliert.“

In seiner „Hymne auf die Schlei“ hat der Kappelner Ludwig Hinrichsen seine Liebe zu dem 42 Kilometer langen Gewässer einst in poetische Worte gekleidet. Die Schlei als Förde oder gar Fjord zu bezeichnen, ist dem 1872 geborenen Heimatdichter indes nicht in den Sinn gekommen. Das ist heute anders. Die Tourismusbranche buhlt mit dem Slogan Ostseefjord um Gäste. Fjord – das klingt für viele Menschen nach Norwegen und eher nach Urlaub, als es bei dem deutschen Wort Förde der Fall ist.

Aber nicht jedem gefällt das. Der Flensburger Dr. Knut Franck etwa echauffiert sich über diesen „irreführenden Begriff“. Die Schlei, sagt der 74 Jahre alte Fremdenführer und ehemalige Geographie-Lehrer, sei gar kein Fjord, im strengeren Sinne noch nicht einmal eine Förde. „Die Schleiregion ist das einzige Urlaubsgebiet in Deutschland, das sich mit einem falschen Namen schmückt.“

Was aber ist die Schlei denn in Wirklichkeit? Dr. Barbara Neumann vom Geographischen Institut der Kieler Christian-Albrechts-Universität, stellt klar: „Ich würde die Schlei niemals als Fjord bezeichnen.“ Zwar sei die dänische Bezeichnung für Förde das Wort Fjord. Im deutschsprachigen Raum aber seien beide Begriffe unterschiedlich definiert, verweist Neumann auf unterschiedliche Entstehungsprozesse in der Eiszeit. „Bei einem Fjord kam der Eispanzer oder die Gletscherzunge sozusagen von hinten, aus dem Landschaftsinnern, und hat beim Überfließen der Landschaft Richtung Küste den meist felsigen Untergrund tief ausgeschürft.“ Bei Förden, wie wir sie im südwestlichen Ostseeraum zwischen Alborg und Kiel vorfänden, sei dieser Prozess genau umgekehrt verlaufen. Neumann: „Hier ist das Eis, das während der Weichseleiszeit Skandinavien bedeckte, aus der Kieler Bucht kommend landwärts mit mehreren Gletscherzungen vorgedrungen.“ Förden stellten mithin eiszeitliche Rinnen in einer Grund- und Endmoränenlandschaft dar. Neumann betont, dass die Einordnung der Schlei in dieses Raster unter Wissenschaftlern umstritten ist. So herrsche vielfach die Meinung vor, dass die Schlei keine richtige Förde sei, weil sie nicht durch Gletscherschurf entstanden sei, sondern lediglich als Abfluss des Schmelzwassers gedient habe.

Auch Max Triphaus, Geschäftsführer der Tourismusgesellschaft Ostseefjord Schlei (OFS) mit Sitz im Schleswiger Plessenhof weiß, dass er es mit der Wortschöpfung seiner Vorgängerin Anke Lüneburg nicht jedem recht machen könne. „Aber Wissenschaft ist das Eine, Marketing das Andere.“ Und die Marke Ostseefjord habe sich nun einmal etabliert. „Bei unseren Gästen kommt der Name gut an“, sagt Triphaus.

Offenbar so gut, dass mittlerweile auch die Schleswiger Wirtschaftsjunioren auf den Zug aufgesprungen sind. Ihre neue Aktion, mit der sie Fachkräfte von außerhalb für ein Leben und Arbeiten an der Schlei begeistern wollen, haben sie „karrierefjord.de“ getauft. Mag sein, dass solche Wortkreationen entstehen, weil OFS und Wirtschaft (IHK-Geschäftsstellenleiter Stefan Wesemann) im Plessenhof unter einem Dach sitzen.

Die „Flensburg Fjord Tourismus GmbH“ hingegen wagt den Schritt zurück. Zwar genieße man vor allem bei den benachbarten Dänen durch die Bezeichnung Fjord ein positives Image, sagt Geschäftsführer Gorm Casper. Künftig aber werde man Flensburg wieder mit dem Begriff Förde vermarkten. Hintergrund ist die Gründung der Lokalen Tourismus-Organisation (LTO) mit den Partnern Flensburg, Harrislee, Glücksburg und dem Amt Langballig. Die beiden Letzteren wollen den Meeresarm partout nicht als Fjord benannt wissen, sondern als das, was er unumstritten ist – eine Förde. „Und wir müssen ja alle hinter der gemeinsamen Dachmarke stehen“, erklärt Casper.

Dass auch die Gesellschafter der OFS an ihrer Marke rütteln, kann sich Geschäftsführer Triphaus nicht vorstellen. „Wir müssen unseren Stil konsequent durchziehen“, ist er überzeugt. Doch egal ob Förde, Fjord oder wie auch immer – klar ist, dass die Schlei ein ganz besonderes Gewässer bleibt. Heimatdichter Hinrichsen ließ seine Hymne so enden:

„Schön bist du, blau und waldumgrünt,
der neue Sinn hat alte Schuld gesühnt.
Du bist der Rhein in Deutschlands Norden,
bist, was du allzeit warst geblieben
und – geworden!“

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