zur Navigation springen

„Entweichungen“ aus der Jugendanstalt Schleswig : Die Mauer des Schweigens

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Aus dem offenen Vollzug der Schleswiger Jugendanstalt sind wiederholt Häftlinge geflohen – die Bevölkerung wurde nicht informiert.

In den vergangenen vier Jahren sind insgesamt acht Gefangene aus dem offenen Vollzug der Jugendanstalt Schleswig geflohen – ohne dass die Öffentlichkeit darüber informiert wurde. Zudem gab es einen Ausbruchsversuch. Der jüngste Fall ereignete sich vor einem Jahr, als gleich drei Insassen auf einen Schlag entkamen. Der letzte von ihnen konnte erst neun Tage später von der Polizei gefasst werden (siehe Infokasten).

Bekannt wurden die Vorfälle nun in einer Antwort des Kieler Justizministeriums auf eine Kleine Anfrage der Landtagsabgeordneten Barbara Ostmeier aus Haselau (Kreis Pinneberg). Die CDU-Politikerin hatte im Zuge der Debatte um die jüngste Geiselnahme in der Justizvollzugsanstalt Lübeck bei der Landesregierung nachgehakt. In der Antwort sind im Zeitraum zwischen 2011 und 2014 insgesamt acht sogenannte Entweichungen für Schleswig-Holstein aufgelistet. Die Hälfte betrifft Schleswig.

Im Justizministerium spielt man die Vorfälle herunter. „Die Öffentlichkeit würde nur dann informiert werden, wenn eine unmittelbare Gefahr besteht“, teilte Oliver Breuer, Sprecher von Ministerin Anke Spoorendonk (SSW), auf SN-Nachfrage mit. „Bei den Entweichungen aus der Jugendanstalt Schleswig lag das in keinem Fall vor, da aufgrund der von den Jugendlichen vor der Inhaftierung begangenen Straftaten keine direkte Gefahr für die Bevölkerung bestand.“ Wie die Gefangenen einzustufen seien, darüber entscheide die Anstalt. Aufgrund welcher Taten und zu welchen Haftstrafen die Entflohenen ursprünglich verurteilt wurden, das wollte das Ministerium nicht mitteilen. Breuer versicherte aber, dass sie auf ihrer Flucht keine weiteren Straftaten begangen hätten. Auch seien sie nach ihrer Festnahme in den geschlossenen Vollzug gewandert.

Breuer verwies zudem auf die Unterscheidung zwischen „Ausbruch“ und „Entweichung“. Von einem Ausbruch spreche man, wenn Gefangene aus dem geschlossenen Vollzug „unter Zuhilfenahme von Gegenständen“ entkommen. Wenn Häftlinge aus dem offenen Vollzug fliehen, ist von Entweichungen die Rede.

Gibt es seitens der Politik Anweisungen, solche Vorfälle unter der Decke zu halten? Die Polizei verweist auf landesweit einheitliche Regelungen, die bei Fahndungen nach flüchtigen Häftlingen gelten. Matthias Glamann, Sprecher der Polizeidirektion Flensburg, erklärte auf SN-Nachfrage: „In der Regel kommt es nach genauer Abwägung von Erfolgs- und Gefahrenprognose und nur im Einzelfall über einen Impuls der zuständigen Kriminalpolizei zu einer richterlich oder staatsanwaltschaftlich angeordneten Öffentlichkeitsfahndung. Insbesondere bei Jugendlichen gelten hier strenge Maßstäbe. Andere Fahndungsmaßnahmen sind vorrangig anzuwenden und in der Regel erfolgreich.“

In der Jugendanstalt Schleswig, die über 112 Haftplätze verfügt, sitzen zehn Gefangene im offenen Vollzug ein. In der Regel absolvieren diese Jugendlichen tagsüber ein Praktikum in der Stadt, ehe sie um 17 Uhr hinter die Gefängnismauern zurückkehren. Wie Ministeriumssprecher Breuer erläuterte, bekämen etwa zwei Gefangene pro Jahr die Möglichkeit zu einem Langzeitpraktikum in der Region. Diese Jugendlichen müssten lediglich am Wochenende zurück in die Anstalt.

Der Bau des im Jahr 2000 eröffneten Jugendgefängnisses hatte seinerzeit heftige Proteste von Anliegern ausgelöst, die um die Sicherheit in der Stadt fürchteten. Im Mai vergangenen Jahres hatte Justizstaatssekretär Eberhard Schmidt-Elsaeßer bei einem Besuch in der Anstalt auf die Frage, ob jemals Zwischenfälle von der Jugendanstalt ausgegangen seien, geantwortet: „Nein, nicht ein einziges Mal.“

Fakt ist, dass es hinter der Schleswiger Gefängnismauer teilweise heftig zur Sache geht. Vor acht Jahren wurde ein 19-Jähriger über Tage hinweg von Mitgefangenen misshandelt und gedemütigt. Einen ähnlichen Fall von Körperverletzung und sexueller Nötigung, der bundesweit Wellen schlug, brachte ein Häftling im Mai 2010 zur Anzeige. Strafanzeigen wegen Körperverletzungen oder Bedrohungen werden pro Jahr mehrere gestellt, wie aus der aktuellen Auflistung des Justizministeriums hervorgeht. Auch Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz werden wiederholt registriert. In einem Fall wurde eine Mutter erwischt, als sie ihrem Sohn beim Besuch im Gefängnis Haschisch zusteckte. Als tätlichen Angriff wertete es die Justiz, dass ein Gefangener im Mai 2012 eine externe Mitarbeiterin am Oberkörper berührte und „seine Hände seitlich an ihr heruntergleiten ließ“.

zur Startseite

von
erstellt am 11.Feb.2015 | 17:00 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen