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Schleswiger Nachrichten

14. Dezember 2017 | 08:09 Uhr

Frust : Die Leiden eines HSV-Fans

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Anhänger des HSV haben zurzeit nichts zu lachen. In Vorstand und Aufsichtsrat herrscht Chaos, die Mannschaft spielt erbärmlich – und dann muss man noch jede Menge Häme ertragen. Peti Petersen aus Jübek sagt „Das tut weh“.

von
erstellt am 14.Feb.2014 | 15:00 Uhr

„Jo. Jetzt kriegen wir ’ne Klatsche.“ Im Pokalspiel zwischen dem Hamburger SV und Bayern München sind gerade einmal 21 Minuten gespielt – und die Gäste sind mit 1:0 in Führung gegangen. In der Garage von Peti Petersen in Jübek herrscht gedrückte Stimmung. Der glühende HSV-Fan und Mitbegründer des Fanclubs „Rauten-Düwels“ ahnt, was passieren wird. Sein Verein wird wieder einmal untergehen. Überfordert, planlos, chancenlos. Und am Ende stehen wieder eine klare Niederlage und deprimierende Endzeitstimmung.

Peti Petersen schaut das Spiel aus gesundheitlichen Gründen ausnahmsweise in seiner Garage. Die Kumpels sind ohne ihn nach Hamburg gefahren. Aber die Garage ist eigentlich ein guter Ersatz. Auf dem Elektro-Grill brutzelt die Wurst, es gibt Kaffee aus Bechern mit Rauten-Logo. Der Raum ist blau-weißes HSV-Territorium. Überall Schals, Banner, eine blaue Lichterkette, ein Poster mit allen Spielern seit 1963 – und im Hintergrund grüßt Manfred Kaltz als Kicker-Starschnitt aus längst vergangenen, besseren Zeiten. „Hier fühle ich mich wohl“, sagt der 51-Jährige, der von Beruf Materialprüfer bei der Bundeswehr ist. Den Devotionalien- und Fernsehraum im Haus einzurichten, war keine Alternative: „Da muss man ganz vorsichtig sein. Wegen der Familie.“

Vielleicht ist es auch ganz gut, dass der Fan sich zurzeit ein wenig abseits hält. Denn seine Stimmung ist gar nicht gut. Der sportliche Absturz seines Verein, das Chaos im Vorstand, das Rätselraten um einen neuen Trainer und die hilflosen Spieler – das alles nagt schon seit Wochen an ihm. „Wenn ich zur Arbeit gehe, mit Nachbarn spreche oder mit Freunden – immer geht es um dieses niederschmetternde Thema. Da muss ich mir immer wieder blöde Sprüche anhören und habe das Gefühl, ich muss mich für meinen Verein rechtfertigen.“

Eine genaue Idee, wie es mit seinem Verein weitergehen soll, hat Petersen nicht. „Klar, es muss sich etwas ändern. Eigentlich müssen die alle weg“, sagt er und meint besonders den Vorstand. Und den Trainer. Den Aufsichtsrat. Und natürlich Spieler.

In diesen Zeiten fällt es selbst dem treuesten Fan schwer, weiterhin fest zum Verein zu stehen. Peti Petersen hat das auch schon gespürt. „Wir tun alles für die Mannschaft, und die versemmeln alles. Das tut so weh.“ In dieser Situation kann man schon mal auf die Idee kommen, vom HSV abzurücken. „Ich war bei der Heimniederlage gegen Berlin so nah dran“, bekennt er und lässt zwischen Daumen und Zeigefinger gerade noch einen Zentimeter Luft. Nah dran, nicht mehr in den Volkspark zu fahren, die Mitgliedschaft zu kündigen oder sich gar einen anderen Lieblingsverein zu suchen. „Das natürlich nicht“, sagt Petersen entrüstet. Aber immerhin hatte er erwogen, das Spiel schon vor dem Abpfiff zu verlassen und in der nächsten Tipprunde auf eine Niederlage seiner Mannschaft zu setzen. Er besann sich jedoch eines Besseren. „Das kann man nicht machen.“ Das wäre ja auch Verrat.

Der Tipp für das Bayern-Spiel ist schon längst für die Tonne. 0:3 steht es inzwischen. Der HSV ist am Boden, die Mannschaft und ihre Fans werden mit Häme übergossen. „Zweite Liga, Hamburg ist dabei“, singen die Bayern-Anhänger. „Zweite Liga wäre Scheiße, gegen Aue, Cottbus und Sandhausen spielen? Das geht doch nicht“, sagt der Fan und dreht die alte Mütze mit der Aufschrift „Die Macht von der Elbe“ zwischen den Händen. Kurze Pause. „Vielleicht wäre eine Saison ganz nützlich, um von vorne zu beginnen.“ Etwas längere Pause. „Nein. Wir dürfen nicht absteigen. Niemals zweite Liga.“

Marcel Jansen versucht einen Schuss aus mehr als 30 Metern. Der Ball trudelt knapp 20 Meter am Tor vorbei. „Na, das war ja ’ne Granate“, sagt Peti Petersen sarkastisch. Wenn ein Fan sich über solche Szenen nicht mehr aufregen kann, ist die Lage ernst. Die Emotion ist verlorengegangen. Petersen erwartet nichts anderes als Niederlagen und schlechte Leistungen. Das nennt man wohl Resignation.

Das Spiel endet 0:5, der Fernseher wird ausgeschaltet. „So kann das nicht weitergehen. Ich will einen Verein ohne Vetternwirtschaft mit Spielern, die alles geben“, sagt der Fan mit leiser Stimme. Aber so lange die blaue Flagge mit der Raute vor dem Haus weht und Manfred Kaltz in der Garage selbstbewusst lächelt, gibt es noch Hoffnung. Zumindest auf einen Sieg beim Tabellenletzten in Braunschweig. Das würde Peti Petersen fürs Erste schon reichen. Die HSV-Anhänger sind bescheiden geworden. Auch in Jübek.

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