Ärger mit Amazon : Die Kuba-Krise hat Schuby erreicht

Trotz Amazon-Sperre: Thomas Altmann hat immer noch Rum aus Kuba im Angebot.
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Trotz Amazon-Sperre: Thomas Altmann hat immer noch Rum aus Kuba im Angebot.

Der US-Konzern Amazon sperrt Online-Angebote von „Rum & Co“ – und bietet selbst „verbotene Ware“ an.

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25. Juli 2015, 07:10 Uhr

Schuby | US-Präsident Barack Obama und Kubas Staatschef Raul Castro schütteln sich die Hände, die beiden Länder eröffnen nach mehr als 50 Jahren politischer Eiszeit wieder Botschaften – und es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, bis auch das seit 1962 bestehende Wirtschaftsembargo gelockert wird.

Während sich die weltpolitische Lage ein wenig entspannt, ist in Schuby eine kleine Kuba-Krise ausgebrochen: Vor wenigen Tagen erhielt Thomas Altmann, der Inhaber von Rum & Co, dem größten deutschen Online-Händler für Rum, Whisky und andere Spirituosen, eine Mail von der weltgrößten Internet-Verkaufsplattform Amazon. Betreff: „Mitteilung über die Entfernung von verbotenen Produkten auf Amazon.de“. Es folgt eine Liste von 40 Produkten des Schubyer Unternehmens, die von Amazon aus dem Programm genommen wurden. Die Begründung: „Diese Produkte unterliegen Wirtschaftssanktionen oder sind Teil eines Warenembargos in Europa oder USA. Der Verkauf dieser Produkte ist auf Amazon verboten“, lässt das Unternehmen wissen – nicht ohne zu drohen, dass wiederholte Verstöße eine Sperrung oder Schließung des Verkäuferkontos nach sich ziehen könnten.

Thomas Altmann zeigte sich überrascht. „Bisher war der Verkauf von kubanischem Rum auf Amazon überhaupt kein Problem. Und das Embargo gibt es in den USA immerhin schon seit 53 Jahren. Aber ausgerechnet jetzt, zu Zeiten einer historischen Wende, in der Hände zwischen Präsidenten geschüttelt und Botschaften eröffnet werden, greift Amazon durch – das kann ich einfach nicht nachvollziehen“, sagt Altmann. Sein Unternehmen vertreibt von Schuby aus Spirituosen und vor allem Run in die ganze Welt. „Von allen verkauften Rum-Sorten machen Produkte aus Kuba elf Prozent aus – und ein Großteil hat sich bisher über Amazon verkauft“, erläutert Altmann. Sein Unternehmen nutzt zwar auch andere Vertriebswege, aber der Handel über Amazon sei von einer derart großen Bedeutung, dass Altmann von einem immensen Umsatzeinbruch spricht. „Das ist für uns eine prekäre Situation“, sagt der Geschäftsmann. Kuriosum am Rande: Amazon hat auch Produkte aus dem Programm gestrichen, die „nach traditioneller kubanischer Methode“ hergestellt wurden, aber aus Panama stammen.

Rechtlich umstritten ist die Frage, ob Amazon das US-Embargo in Europa überhaupt durchsetzen muss und darf. Amazon Europa hat seinen Sitz aus steuerlichen Gründen in Luxemberg und unterliegt damit dem EU-Recht – und das verbietet die Anwendung von US-Sanktionsbestimmungen. Auf einen Rechtsstreit mit dem Internetriesen will es das Unternehmen aus Schuby dennoch aller Voraussicht nach nicht ankommen lassen.

In Schuby wurde nicht nur der Zeitpunkt der Sperrung mit Erstaunen zur Kenntnis genommen, sondern auch die Tatsache, dass es auf Amazon aktuell hunderte von Angeboten für kubanischen Rum gibt und ganz offensichtlich auch Amazon selbst als Verkäufer auftritt. Der „Havana Club Selección de Maestros Rum“ beispielsweise wird als original kubanischer Rum angepriesen – mit dem Hinweis „Verkauf und Versand durch Amazon“. Ist die mit Wirtschaftssanktionen begründete Sperrung nur ein Mittel um unliebsame Konkurrenten auszuschalten? „Das ist zumindest sehr merkwürdig“, sagt Niklas Süphke, der bei Rum  &  Co unter anderem für das Marketing zuständig ist.

Warum setzt Amazon das 53 Jahre alte Embargo ausgerechnet jetzt durch – zu einem Zeitpunkt, an dem sich das Verhältnis zwischen den USA und Kuba zu normalisieren scheint? Müsste das US-Unternehmen in Europa nicht europäisches Recht anwenden? Welche Erklärung gibt es dafür, dass Amazon Kunden den Verkauf von kubanischem Rum auf seinen Seiten verbietet, selbst aber damit handelt? Eine Antwort auf diese nicht auf den speziellen Fall zugeschnittenen Fragen gab es aus der Pressestelle von Amazon Deutschland in München gestern nicht – trotz schriftlich eingereichter Fragen und mehrfacher Erinnerungen. Stattdessen meldete sich ein Unternehmenssprecher mit der Auskunft, er könne zum gegenwärtigen Zeitpunkt gar nichts sagen. Auch die grundsätzlichen Fragen wollte er nicht beantworten. Er stellte jedoch die Frage nach dem Namen des Verkäufers und nach Weiterleitung von eventuell vorhandenen Dokumenten. Wenn man diese Informationen habe, könne man dem Fall bei Amazon nachgehen und gegebenenfalls auch helfen. Dazu kam es allerdings nicht.

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