"Die große Flut": Bestseller aus der Feder eines Schleswigers

Waldemar Augustiny wurde in Schleswig geboren. Von 1932 bis zu seinem Tod im Jahr 1979 lebte er im Künstlerdorf Worpswede.
Waldemar Augustiny wurde in Schleswig geboren. Von 1932 bis zu seinem Tod im Jahr 1979 lebte er im Künstlerdorf Worpswede.

Waldemar Augustiny - Erzähler und Romancier, aber auch "aktiver Mitläufer" in der NS-Zeit

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18. Oktober 2011, 07:22 Uhr

SCHLESWIG | Schleswig hat eine bemerkenswerte lange Reihe von Literaten hervorgebracht. Der Erzähler und Romancier Waldemar Augustiny hatte sich zwar auf norddeutsche Motive konzentriert, erlangte mit einigen Werken aber überregionale Beachtung und Anerkennung. Vor allem mit seinem 1943 erschienenen zweibändigen Roman "Die große Flut", einem Best- und Longseller, hat er sich einen Platz in der deutschen Literaturgeschichte gesichert. In diesem vielgelesenen Epos, das zahlreiche Neuauflagen erlebt hat und auch heute noch im Buchhandel präsent ist, schildert er den Untergang der nordfriesischen Insel Strand vor rund 380 Jahren.

Folgt man seinen eigenen Worten, wurde er eher zufällig in Schleswig geboren: "Mein Vater, der Beamter war, wurde versetzt, als meine Mutter mich trug. So zog meine Mutter vorübergehend zu ihren Eltern nach Schleswig. Kaum zur Welt gebracht, war ich, in einem Wäschekorb verpackt, schon wieder unterwegs." Wilhelm Augustiny, Waldemars Vater, entstammte einer alten schleswigschen Pastorenfamilie und war von Beruf Postbeamter, der oft seinen Wohnsitz wechseln musste. Der Sohn wurde am 19. Mai 1897 in Schleswig geboren. Nach Stationen in Wilhelmshaven und Kiel kam er - inzwischen Primaner - nach Schleswig zurück und wechselte von der Kieler Gelehrtenschule zur Domschule. Augustiny rückschauend: "So habe ich spät, als wacher, schon einigermaßen selbständiger Mensch, meine Geburtsstadt entdeckt." Wie zahlreiche seiner Mitschüler zog auch er 1914 als freiwilliger Infanterist in den Ersten Weltkrieg.

Waldemar Augustiny studierte in Kiel, Hamburg und Berlin Philosophie und Kunstgeschichte, legte aber kein Examen ab. Er wandte sich - wie er selbst schrieb - dem "bürgerlichen Leben" zu und sorgte als Verlagsbuchhändler, Lektor und journalistischer Kunstkritiker in Leipzig, Stuttgart, Bonn und Bremen für den Lebensunterhalt seiner kleinen Familie. 1932 ließ er sich im Künstlerdorf Worpswede als freie Schriftsteller nieder. Vor allem dort, im von ihm selbst entworfenen Haus "Auf der Dohnhorst", verfasste er seine zahlreichen Romane, Novellen, Erzählungen, Sachbücher, Essays und Kritiken. Mehrere seiner Bücher wurden in andere Sprachen übertragen, beispielsweise ins Niederländische und ins Norwegische. 1933 erschien sein erster Roman, "Die Fischer von Jarsholm", ein Buch, das "mir einen guten moralischen und für ein Erstlingsbuch auch einen leidlichen wirtschaftlichen Erfolg brachte". Die Handlung dieses Romans ist an der Schlei angesiedelt.

Seine Bibliographie umfasst weit mehr als 600 Nummern: neben Belletristik auch Monographien über Maler und eine Biographie über den Arzt und Philosophen Albert Schweitzer, zu dem eine freundschaftliche Beziehung bestand. Er stand dem Philosophen und Schriftstellerkollegen Max Tau, der als Jude aus der nationalsozialistischen Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen wurde und 1939 nach Norwegen fliehen musste, sehr nahe.

In dem Werk Augustinys "lebt Untergründiges, Hintergründiges, Gefährdung, aber auch Zartheit, Versöhnung, Geborgenheit", wie ihm ein befreundeter Autor in einem veröffentlichten Geburtstagsgruß bescheinigte. Kritische Literaturhistoriker von heute entdecken in Augustiny-Romanen aber auch völkische und chauvinistische Züge. Der Autor gehörte zwar nie einer Nazi-Organisation an, war aber seit 1936 Mitglied des von dem SA-Gruppenführer Johann Heinrich Böhmker gegründeten und dominierten Eutiner Dichterkreises. Er wird von dieser Kritik als "aktiver Mitläufer" charakterisiert, der den Nationalsozialismus und besonders die NS-Kulturpolitik offen befürwortet und Literatur verfasst habe, "die den nationalsozialistischen Zensoren gefiel".

1964/65 war er Ehrengast der Deutschen Akademie in der Villa Massimo in Rom. Eine weitere bedeutende Ehrung wurde ihm 1969 zuteil, als er mit dem Friedrich-Hebbel-Preis ausgezeichnet wurde. Eine seiner letzten literarischen Arbeiten ist der dokumentarische Roman "Elise und Christine - Die beiden Frauen im Leben Friedrich Hebbels". Er starb am 26. Januar 1979 im Alter von 83 Jahren in Osterholz-Scharmbeck und wurde in Worpswede bestattet.

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