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Bahnverbindung nach Niebüll : Die Geschichte des möglichen Flensburg-Sylt-Shuttles

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ein Autozug von Flensburg nach Westerland ist im Gespräch. Die Strecke dafür existiert seit 125 Jahren - und war immer umstritten.

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erstellt am 01.Okt.2014 | 17:00 Uhr

Bei Handewitt wuchern die Sträucher über das Gleisbett und verwandeln einen Spaziergang in eine Art Urwald-Expedition. Weiter westlich rollt im Sommer gelegentlich eine Touristen-Draisine über die stillgelegten Schienen. Ansonsten herrscht an der ehemaligen Eisenbahnstrecke zwischen Flensburg und Niebüll fast gespenstische Ruhe. Die Begeisterung, die die Einweihung dieser Verbindung vor genau 125 Jahren auslöste, war gewaltig.

Der lange Eröffnungszug bog am 1. Oktober 1889 kurz nach acht Uhr in Flensburg-Weiche auf den neuen Abschnitt. Die Handewitter empfingen den dampfenden Fortschritt mit Hurra-Rufen, in Wallsbüll erstreckte sich eine „hübsche Ehrenpforte über den ganzen Baukörper“, in Schafflund inszenierte die Feuerwehr-Kapelle einen „schmetternden Tusch“ und in Leck wurden feierliche Ansprachen gehalten, ehe die Lok ihre 20 Waggons nach 36,1 Kilometern bei Lindholm auf die bestehenden Gleise der Marschbahn nach Niebüll zog, wie die „Flensburger Nachrichten“ tags darauf berichteten.

Die damalige Euphorie ist nur mit dem Zeitgeist zu erklären. Schon Ende der 1870er Jahre waren Stimmen aus Landwirtschaft, Kaufmannschaft und den abgelegenen Gemeinden laut geworden, die sich nach der modernen Verkehrsinfrastruktur sehnten. Konkrete Pläne lagen auf dem Tisch. Auf dem Flensburger Exerzierplatz sollte ein neuer Bahnhof entstehen. Über Schäferhaus und Ellund sollten die Torfmoore in Medelby und Osterby angeschlossen werden. Niebüll-Deezbüll war als Endbahnhof auserkoren. An der Westküste hatte aber erst die 1887 fertiggestellte Marschbahn von Heide nach Ribe Vorfahrt.

Als der Preußische Staat am 1. April 1887 den Bau der Querverbindung von Flensburg-Weiche über Leck nach Lindholm beschloss, war die Freude im heutigen Nordfriesland deutlich geringer als auf der schleswigschen Geest und an der Ostsee. „In schöner Luftspiegelung sieht man den Schienenweg vor sich, welcher die Hafenstadt Flensburg mit den gesegneten Fluren des westlichen Schleswigs in direkte Verbindung setzen soll“, hieß es in einem Pamphlet der Flensburger Wirtschaft, die angesichts mehrerer Verzögerungen drängelte.

Zunächst haderten die kleinen Gemeinden mit den Kosten von 3000 bis 4000 Mark, die sie für den Streckenbau zuschießen mussten. Die Lösung: Der Kreis Flensburg leistete einen Vorschuss, der binnen zehn Jahre zurückgezahlt werden konnte. Größere Unruhe herrschte in Nordhackstedt und Hörup, wo Bauern befürchteten, ihr Vieh könne massenhaft vom Zug überfahren werden. Der Streckenverlauf wurde deshalb gen Norden, über Sprakebüll, verlegt. Proteste hagelte es auch seitens einiger Fuhrbetriebe und Stellmacher, die um ihren Broterwerb bangten.

Mit Beginn der Bauzeit dominierten die positiven Effekte. Tagelöhner und Kleinbauern fanden Beschäftigung, teilweise sogar dauerhaft, als Bahnarbeiter. Die Dörfer entlang der Strecke erhielten durch den Güterverkehr neue Impulse. Der Wallsbüller Chronist Lorenz Peter Hansen berichtet von wöchentlichen Viehkurswagen, großen Kiestransporten und der neuen Meierei, die bereits ein Jahr nach der Bahneröffnung produzierte. „In den Schuppen lagerte Dünger und Kohle, und das Eisenerz aus der Region wurde von einer Rampe in die Waggons geschaufelt“, erzählt er. Die vielen Saatkartoffeln und die drei Meter langen Hölzer aus dem nahen Wald, die für die Gruben des Ruhrgebiets geliefert wurden, hat der Wallsbüller vor Augen, als ob es gestern wäre.

Der Personenverkehr erreichte hingegen nie eine nennenswerte Bedeutung. Zwar tönte der Zugführer am Bahnsteig: „Handewitt – bitte erst aussteigen lassen!“ Doch Menschenaufläufe waren äußerst selten, die Geest war damals zu dünn besiedelt. In Handewitt lebten nur 500 Menschen, in Wallsbüll und Schafflund waren es noch weniger. Die Eisenbahnbezirksdirektion Altona stempelte die neue Verbindung als „Strecke untergeordneter Bedeutung“ ab. Der Seebäderzug aus Hamburg verkehrte weiterhin über Tinglev und Tondern gen Nordsee – und später ausschließlich über die Marschbahn

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Zugewachsen: Die Natur erobert die Gleisanlagen der Strecke zurück, die 1999 komplett stillgelegt wurde.
Zugewachsen: Die Natur erobert die Gleisanlagen der Strecke zurück, die 1999 komplett stillgelegt wurde. Foto: Kirschner

Als 1969 für die Triebwagen, die die Dampfloks abgelöst hatten, eine Höchstgeschwindigkeit von 80 Stundenkilometern festgelegt wurde, um die Unterhaltungskosten möglichst gering zu halten, begann der schleichende Abgesang der Strecke. Bald darauf konnte man zwischen Flensburg und Sprakebüll keine Fahrkarten mehr in den unbesetzten Bahnhofsgebäuden kaufen, die bereits ab Ende der 70er-Jahre an Privatpersonen versteigert wurden. Zuletzt fuhren an einem Wochentag nur noch drei Schienenbusse je Richtung und im Sommer ein Eilzug von Kiel nach Westerland. Gleichzeitig steuerten zwölf Busse je Richtung die Ortskerne und den direkt in der Flensburger Innenstadt gelegenen Busbahnhof an.

Ende Januar 1980 erteilte das Bundesverkehrsministerium der Bundesbahn-Hauptverwaltung die Genehmigung, den Personenverkehr bei Bedarf einzustellen. Aus dem Flensburger Raum und von der Westküste kam Widerstand, ein Demonstrationszug rollte nach Niebüll, wo flammende Reden geschwungen wurden. Nur: Es half nichts. Zum 30. Mai 1981 wurde der Personenverkehr eingestellt. In der offiziellen Begründung war von zu hohem finanziellen Aufwand bei niedrigen Fahrgastzahlen die Rede. Danach bewegten sich nur noch wenige Sonder- und vor allem Güterzüge über die Schienen. Doch der Betrieb wurde zunehmend reduziert, bis die komplette Stilllegung zum 1. März 1999 verfügt wurde.

Eine Wiederbelebung der Strecke wurde in den letzten 30 Jahren immer wieder einmal diskutiert. Sie wird im landesweiten Nahverkehrsplan für den Zeitraum von 2013 bis 2017 als „perspektivische Maßnahme“ genannt. Stefan Barkleit vom Fahrgastverband „Pro Bahn“ bewertet die Fahrgastzahlen in den Bussen als vielversprechend. „Der erste Schritt für eine Reaktivierung der Bahnstrecke wäre die Reaktivierung der Flensburger Hafenbahn mit einem Stadtbahnhof am ZOB“, erklärt er. Die Stadt Flensburg wird im November ein Gutachten in Auftrag geben, das auch die Bahnverbindung von Flensburg nach Niebüll untersuchen soll.

Entlang der Bahnlinie herrscht ein gemischtes Meinungsbild. Wallsbülls Bürgermeister Werner Asmus etwa würde eine Rückkehr der Eisenbahn als touristischer Faktor und zur Entlastung der Bundesstraße 199 begrüßen. Dazu gesellen sich immer wieder Gedankenspiele, die eine Verladestation für Autozüge nach Sylt im Flensburger Raum beinhalten. Die Gegenwart ist allerdings eine andere: Die Schienen rosten still vor sich hin.

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