Annegret Fischer : Die Flötenspielerin aus dem Kloster

Im Garten des St.-Johannis-Klosters: Hier ist Annegret Fischer seit einem Jahr mit ihrer Familie zu Hause
Im Garten des St.-Johannis-Klosters: Hier ist Annegret Fischer seit einem Jahr mit ihrer Familie zu Hause

Annegret Fischer ist mit ihrem Barockensemble „The Playfords“ europaweit gefragt – Inspiration holt sie sich zu Hause in Schleswig.

shz.de von
26. Januar 2015, 16:45 Uhr

Würde man auf der Straße eine Umfrage zum Thema Blockflöte machen, hätten die meisten Assoziationen der Befragten vermutlich mit dem Musikunterricht in der Grundschule zu tun. Dort haben Generationen von Schülern den ersten, und zum überwiegenden Teil vermutlich auch den einzigen, Kontakt zu diesem unterschätzten Instrument gehabt. Dabei ist die Blockflöte ist ein unglaublich schönes Instrument. Und wer es so zu spielen versteht wie Annegret Fischer, der entlockt ihm ungeahnte Töne.

Warum sich die 41-Jährige ausgerechnet für die Blockflöte entschieden hat, kann sie rückblickend rational gar nicht erklären, aber wenn sie über ihre inzwischen 16 Instrumente erzählt, ahnt man, dass es schon damals etwas mit Leidenschaft zu tun haben musste: „Das hier ist meine kleinste, eine Sopranino“, erklärt sie und dreht in ihrer Wohnung im St.-Johannis-Kloster die kleine Flöte behutsam in der Hand, um sie dann vorsichtig zur Seite zu legen, „und das, ist meine Größte.“ Die Bassblockflöte ist imposant und so groß, dass sie sogar mit Hilfe einer Schlinge um den Hals getragen wird. Spontan setzt sie die Blockflötistin an die Lippen und spielt einige Töne, die man vielleicht am anschaulichsten als tief und klar beschreiben könnte. Dabei improvisiert sie: „Das ist mein Markenzeichen“, beschreibt sie, „heute wird die Improvisation leider unterschätzt, dabei ist sie eine Grundlage und bildet den Zugang zu historischer Musik.“ Die Ursprünge dieser Improvisationen liegen in der Renaissance und im Frühbarock.

Annegret Fischer ist mit Leib und Seele Musikerin. Als Kind einer musikalischen Familie war ihr das im wahrsten Sinne des Wortes in die Wiege gelegt: „Mit 13 hatte ich beim Blockflöte spielen alles gelernt, was in der DDR möglich war“, erinnert sie sich. Dann versuchte sie es mit Querflöte und Geige, konnte sich aber nicht so recht dafür erwärmen. Schließlich war die Wende auch für ihre ganz persönliche musikalische Entwicklung ein Segen: „Ich konnte studieren! Das hätte ich in der DDR nicht gedurft.“ Sie studierte Schulmusik, Anglistik und natürlich auch Blockflöte in Weimar, der Stadt der Klassik. Ein Studienaufenthalt in Leeds prägte sie nachhaltig: Zurück in Weimar spielte sie in einer Folkband, bis sie dann 2001, gemeinsam mit fünf befreundeten Musikern, das Ensemble „The Playfords“ gründete: „Wir spielen auf historischen Instrumenten, zum Beispiel auf Gambe und Laute, authentische und innovative Interpretationen von Tanzmusik aus Renaissance und Frühbarock“, beschreibt sie knapp, was eigentlich viel umfangreicher und vielseitiger ist, als es sich anhört. Bestimmt wird die „Early Music Folk“ durch die spielerische Herangehensweise, die sich alle Musiker zu Eigen gemacht haben. Traditionelle Harmonien und Basslinien werden dabei auch schon mal augenzwinkernd mit Elementen aktueller Musik verknüpft. Gemischt mit Gesang und jeder Menge guter Laune bleibt bei Auftritten der Playfords kein Zuhörer lange ruhig auf seinem Stuhl sitzen. Längst hat sich das Ensemble national und international etabliert und ist unter Kennern alter Musik gefragt. Vier CDs haben sie bereits veröffentlicht, die letzte ist gerade erschienen.

Benannt haben sich die fünf Musiker übrigen nach John und Henry Playford. Sie gaben 1651 unter dem Titel „The English Dancing Master“ erstmals ihre Sammlung bekannter Melodien der Zeit mit passenden Tanzanweisungen heraus. Ebenso wichtig wie das Musizieren selbst, ist es ihr jedoch Kinder für die Musik zu begeistern: „Ich habe über zehn Jahre Erfahrung in der Musikschule und unterrichte Kinder einfach sehr gerne“, kommt Annegret Fischer schnell ins Schwärmen, „ich möchte sie begeistern und versuche sie zum Beispiel durch die Kombination von Geschichten und Musik zu fesseln.“ Dazu passte perfekt, dass sie in der laufenden Spielzeit am Deutschen Nationaltheater Weimar in der Kinderoper „Wüstenwind“ von Selim Dogru spielte.

Aus Weimar zog sie vor einem Jahr mit ihrem Mann, der hier einen Job gefunden hatte, und den zwei kleinen Kindern (zwei und fünf Jahre) nach Schleswig. Hier hat sie inzwischen schon einige Schüler, die sie regelmäßig im St.-Johannis-Kloster besuchen – Kinder und Erwachsene. Besonders, wer als Kind nicht die Möglichkeit hatte ein Instrument zu erlernen, genießt es, dass er es irgendwann doch nachholen kann. Und auch für sie selbst hört das Lernen niemals auf: „Ich bin immer noch auf dem Weg mit meinen Instrumenten“, erzählt Annegret Fischer, „wir können immer noch enger zusammenwachsen.“

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