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Schleswiger Nachrichten

18. August 2017 | 22:59 Uhr

Die Chance, etwas zu spüren

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Der November ist angebrochen. Ein Monat, den viele am liebsten überspringen, denn Gedenken an den Holocaust, Gedenken an die Verbrechen und die Opfer vergangener und gegenwärtiger Kriege, Gedenken an die Toten und unsere eigene Vergänglichkeit prägen ihn. Es sind die bedrohlichen und die verletzlichen Seiten des Menschen vor einer Kulisse des weniger Werdens. Die Natur zieht sich zurück. Das Wetter kleidet die Tage in einen grauen alten Mantel. Das alles passt so wenig in unsere laute und bunte Welt und zu den Rollen, die wir darin spielen sollen, die der Erfolgreichen, der Unverwüstlichen, der Unabhängigen, der Selbstbestimmten, der Unversehrten.

Doch um wirklich Mensch zu werden, hat gerade dieser Monat etwas, der uns konfrontiert mit unserer Angst und der Angst vor der Angst, mit der Unbarmherzigkeit auch der eigenen, mit dem Scheitern nicht nur der anderen, mit dem persönlichen Angewiesen sein, mit den Grenzen unserer Möglichkeiten und unseres Lebens hier. Dieses alles auszublenden, heißt das auszublenden, was uns zum Menschsein befähigt, zu mehr macht als zu willenlosen Konsumenten, willfährigen Bürgern, gleichgültigen Mitläufern, egozentrischen Individualisten. Im November lasse ich mich befragen und infrage stellen, von gegenwärtigen und vergangenen Ereignissen, von den Lebenden und den Toten, von mir selbst und von meinem Gott im Hinblick auf die Dinge, die ich lieber nicht wahrhaben will und die doch zu meinem Leben gehören.

Und darin liegt die Chance, etwas zu spüren, die Trauer um einen Menschen, die Scham für eigenes und kollektives Versagen, die Angst vor dem Verlassen sein, die Sehnsucht nach wirklicher Gemeinschaft, das Berührt sein vom Schicksal anderer, den Wunsch in Würde zu sterben und der Hoffnung dann nicht tiefer als in Gottes Hand zu fallen.

 

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erstellt am 06.Nov.2015 | 17:21 Uhr

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