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Schleswiger Nachrichten

18. November 2017 | 20:38 Uhr

Schleswig : Die Barockzeit zu Gast auf dem Holm

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Fischer Jörg Nadler präsentierte gemeinsam mit Gleichgesinnten Arbeitstechniken aus dem 18. Jahrhundert.

In barocker Arbeitskleidung steht Fischer Jörg Nadler vor einem kleinen Segelboot. In der Hand hält er eine originale Lyster, ein antikes Werkzeug seiner Zunft, mit dem er auch heutzutage noch Aale fangen könnte. Doch heute hat Nadler dafür keine Zeit, sondern viele Geschichten zu erzählen. Über sein weißes Hemd, das nach dem Vorbild eines 250 Jahre alten Fundstücks aus der Holmer Nachbarschaft genäht wurde. Über das kleine Segelboot, das korrekt als Smakkejolle bezeichnet wird und sich auch bei Wind und Wellen durch seine Handlichkeit auszeichnet. Über seine Netze, die er teils nach jahrhundertealten Plänen knüpft. Und natürlich über seine Idee, die barocke Zeit im Garten hinter seinem Haus am Holm wieder aufleben zu lassen.

„Schleswig inspiriert die Menschen. Ich habe Bekannte, die nur wegen der historischen Gebäude herkommen“, sagt Nadler, der einen kleinen Fischereibetrieb hat. Insbesondere die Fassaden des Holms übten einen besonderen Reiz aus. „Deshalb wollte ich eine Veranstaltung organisieren, die uns ein Gefühl davon gibt, wie es damals gewesen sein könnte“, erklärt Nadler. Herausgekommen sind die „Barocktage“, an denen am Wochenende das barocke Leben zwischen 1740 und 1770 zur Schau gestellt wurde.

Während Nadler dabei seinen Besuchern viele Originale und Repliken von Fischereiwerkzeugen vorführt, geben seine Mitstreiter am Ende des Gartens Einblicke in ein anderes Berufsfeld. Donnernd fällt dort ein Schuss aus einer historischen Büchse, der beim Zuschauer im Zwerchfell vibriert. Dieter Röhr nickt zufrieden und stopft die nächste Ladung in den Lauf. Der Archäologe aus dem Emsland hat sein Faible für historische Waffen vor vielen Jahren entdeckt und seitdem 42 barocke Jagdgewehre gesammelt. Auch zivile Pistolen und Duellpistolen liegen in dem Zelt, das er aufgebaut hat. „Mich hat immer der Mechanismus der Waffen fasziniert, der nun seit 250 Jahren ohne technische Neuerung funktioniert“, sagt Röhr. Mit Respekt wiegen Besucher die Waffen in der Hand, fühlen ihre feine Verarbeitung und hören die passende Geschichte dazu. Wie Röhr tritt auch sein Kollege
Pierre Dubois authentisch gekleidet vor die Zuschauer. Gemeinsam besuchen sie bundesweit Veranstaltungen dieser Art.

Es ist die Begeisterung, Vergangenheit erlebbar zu machen, die die Darsteller der Barocktage miteinander verbindet. Wenige Meter entfernt hocken die Zwillinge Rüdiger und Pieter van der Meij zusammen auf dem Boden und gießen aus Zinn Knöpfe für Uniformen. Auch Blechgeschirr stellen sie her. Es sei damals auf Schiffen eingesetzt worden, weil normales Porzellan viel zu schnell zerbrochen wäre, erklären sie. Seit 25 Jahren touren sie mit ihren historischen Darstellungen durch die Lande. Zum Beruf ist die Leidenschaft für Tex Küster geworden, der ebenfalls einen Einblick in sein Handwerk gibt. Der gelernte Schneider stellt mit seiner Kollegin Christina Hildebrandt historische Kleidung her, die sie an Kunden rund um die Welt verschicken. Ausgefallene Sonderwünsche sind dabei nicht ungewöhnlich. „Eine Kundin aus Österreich wünschte einen authentischen Napoleon- Rock für ihren neunjährigen Sohn“, erinnert sich Hildebrand. Selbstverständlich wurde dieser Wunsch erfüllt.

„Die Veranstaltung ist ein Versuchsballon“, räumt Nadler etwas besorgt ein. Ob es Fortsetzungen geben werde, hänge von der Resonanz der Schleswiger ab. Die Stimmung unter den Darstellern ist indes traditionell gut. „Es geht uns darum, den Leuten etwas zu bieten. Aber jede Veranstaltung bedeutet für uns alle auch Gemeinschaft mit Gleichgesinnten“, so Pieter van der Meij.

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