Die Angst vor der Abschiebung

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Ein voll integrierter Flüchtling aus Afghanistan steht nach seiner Ausbildung vor einem ungewissen Schicksal

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13. September 2019, 11:50 Uhr

Flensburg | Als er seine Heimat verlassen muss, ist er keine zwei Jahre alt. Als 14-Jähriger schlägt er sich nach einer gefährlichen Odyssee durch bis nach Deutschland. In Flensburg macht er seinen Hauptschulabschluss, beginnt eine Ausbildung. Danach droht dem jungen Mann die Abschiebung in ein Land, das er nicht kennt. Ein Land, in dem er keine Freunde und Familie hat. Nach Afghanistan. Das ist die Angst von Ramin R.

„Mein Vater war ein Freiheitskämpfer“, sagt der 20-Jährige. Er sagt es mit ruhiger Stimme, ohne Wertung, ohne Stolz. In fehlerfreiem Deutsch schildert er seinen Werdegang: Es kommt zu Auseinandersetzungen mit den Taliban in Kabul, in dessen Folge die Familie mit dem Tod bedroht wird und in den Iran flüchtet.

Dort wird er vor die Wahl gestellt: „Entweder du ziehst in den Krieg nach Syrien oder aber wir schicken dich zurück nach Afghanistan.“ Ramin entscheidet sich für keine dieser fatalen Möglichkeiten. Er verlässt seine Eltern und drei Geschwister, ein Schleuser bringt ihn in die Türkei. Über Serbien, Bulgarien und Österreich geht es nach Deutschland. Ein halbes Jahr dauert die Flucht. „Es war sehr teuer. Und sehr gefährlich“, sagt Ramin. Immer noch ohne Regung. Nur ein Blick in seine Augen lässt erahnen, was er durchgemacht haben muss. Sie spiegeln eine tiefe Traurigkeit. Nach einer Pause sagt er: „Ich fühlte mich verloren, wusste nicht wohin.“

In der Erstaufnahme in Neumünster verbringt er nur wenige Stunden. Dann geht es weiter nach Flensburg, wo er in einer Betreuten Wohneinrichtung untergebracht wird. Status: geduldet. „Ich habe nichts gegessen, nichts getrunken, sah zum ersten Mal nach langer Zeit wieder ein Bett vor mir.“ Ramin will nur eins: schlafen. Dann geht es bergauf. Sprachkurs bei der AWO, DaZ-Klasse an der Hannah-Arendt-Schule, ein ausbildungsvorbereitendes Jahr. Und schließlich der Hauptschulabschluss. Ramin will weiter, strebt den Realschulabschluss an, wird in die Oberstufe versetzt.

Dann ein Schlag, der ihn weit zurückwirft. Sein Asylantrag wird abgelehnt, seine Klage abgewiesen. „Auf Anraten meines Anwalts und meines Betreuers“ bricht er die Schule zugunsten einer Ausbildung ab. Da ist er 18 Jahre alt. Jetzt will er staatlich geprüfter Pflegeassistent werden.

Neben der Schule absolviert er mehrere Praktika. Wird mit Lob überhäuft. „Es wäre bitter, wenn so ein guter Mann wieder weggeschickt würde“, sagt man im Haus Adelby. Arbeitgeber würden ihn mit Handkuss nehmen. „So einen wie den gibt es kein zweites Mal“, stimmt ein Bewohner ein. Ramin lächelt. „Die Arbeit macht mir Spaß. Von alten Menschen kann man viel lernen.“

Und noch etwas macht dem Afghanen zu schaffen. Die Stadt Neumünster gewährt Jugendhilfe nur noch bis Ende des Monats. „Wenn dann keiner für mich zuständig ist, bin ich obdachlos“, so seine Sorge.

Die Behörden schweigen aus Datenschutzgründen. Flensburgs Stadtsprecher Clemens Teschendorf verweist auf die Stabstelle Integration, Migrationsberatungsstellen bei der Awo und Diakonie, auf die Flüchtlingshilfe. Bei der Agentur für Arbeit könne man eine Ausbildungsbeihilfe beantragen. „Wer aus der Jugendhilfe raus ist“, sagt er, „kann in einer unserer Flüchtlingsunterkünfte wohnen.“ Sollte er irgendwann zwei Jahre lang gearbeitet haben und könne für sich sorgen, sähe die Sache anders aus. „Dann ist ein Aufenthaltstitel in greifbarer Nähe.“

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