Die Affäre um den Abriss des Hohen Tores

Die historische Abbildung vermittelt einen guten Eindruck von der räumlichen Geschlossenheit der einstigen Hauptstraße der Altstadt mit dem Hohen Tor als Blickfang. Dieses Bild - eine Deckfarbenmalerei von C. N. Schnittger - entstand 1864. Es befindet sich im Bestand der Sammlungen von Schloss Gottorf.  Foto:  Schloss Gottorf
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Die historische Abbildung vermittelt einen guten Eindruck von der räumlichen Geschlossenheit der einstigen Hauptstraße der Altstadt mit dem Hohen Tor als Blickfang. Dieses Bild - eine Deckfarbenmalerei von C. N. Schnittger - entstand 1864. Es befindet sich im Bestand der Sammlungen von Schloss Gottorf. Foto: Schloss Gottorf

Nicht ohne Stolz präsentiert die Gesellschaft für Stadtgeschichte in einer Broschüre eine respektable Reihe bemerkenswerte Baudenkmale, die das heutige Bild der Schleistadt prägen. Reizvoll wäre es aber auch, den Verlust an historischer Bausubstanz, den die Stadt Schleswig erlitten hat, zu dokumentieren. Am Anfang einer solchen Liste würde das Hohe Tor stehen, das vor 125 Jahren aus dem Stadtbild verschwand.

shz.de von
14. April 2009, 10:11 Uhr

Schleswig | Der Lombardverwalter Friedrich Detlefsen aus der Noorstraße hatte einen Faible für altertümliche Sammler- und Erinnerungsstücke, vor allem für jene mit einem lokalen Symbolgehalt. Er sicherte sich zum Abschluss der Abbrucharbeiten am Hohen Tor in der Langen Straße den letzten abgetragenen Mauerstein als Andenken an ein altehrwürdiges Bauwerk, das über Jahrhunderte die Silhouette der Altstadt bestimmt hatte.

Als die Schleswiger Nachrichten am 20. Januar 1884 vermeldeten, "daß vom Hohen Thor gestern der letzte Mauerstein abgehoben sei", war ein jahrzehntelanges Tauziehen um dieses bemerkenswerte Bauwerk für alle Zeiten entschieden: Seit nunmehr 125 Jahren ist das stadtbildprägende Tor nur noch Geschichte.

Die Historie des Hohen Tors greift weit zurück in die Stadtgeschichte. Als Teil der Anlagen zur Stadtbefestigung wurde es im Mittelalter errichtet. Die Fachliteratur nennt unterschiedliche Namen für das Tor und verschiedene Baudaten. Die Gesellschaft für Stadtgeschichte, die im Jahre 2004 an dem Platz, an der einst das Tor stand, eine Erinnerungsplakette anbringen und im Pflaster der Langen Straße den einstigen Standort des Gebäudes markieren ließ, hat sich auf das Baujahr 1564 festgelegt.

Das Hohe Tor diente über drei Jahrhunderte lang der Stadt als Wahrzeichen, das sogar Eingang fand in das städtische Wappen. Erstmals wurde 1865 die weitere Existenz des Bauwerkes in Frage gestellt: Zahlreiche Bürger wandten sich an die Stadtverwaltung mit der Aufforderung, das Hohe Tor abreißen zu lassen, "wie alle Hemmnisse des Verkehrs in dieser practischen Zeit". Zwar untermauerten sie ihr Anliegen mit einer respektablen Unterschriftenliste, doch ging die Eingabe ins Leere: Die Obrigkeit war (noch) nicht bereit zu diesem radikalen Einschnitt in das Stadtbild.

1872 lebte die Hohe-Tor-Diskussion erneut auf, wiederum entfacht durch eine lange Liste von Bürgern, die in dem altem Bauwerk eine Fortschrittsbremse sahen. Diesmal zeigten sich Stadt und Kollegien durchaus beeindruckt. Sie beschlossen, das Stadttor niederreißen zu lassen, und setzten eine Kommission ein, die die Voraussetzungen dafür klären sollte. Dieses Gremium zeichnete sich nicht gerade durch effiziente Arbeit aus, so dass wiederum Jahre ins Land gingen. Bürgermeister Carl Sophus von Gusmann tat im November 1874 kund, dass inzwischen die ministerielle Abbruchgenehmigung vorliege. Und wiederum wurde ein Fachgremium eingeschaltet. Die "Straßenpflasterungskommission" sollte die neue Fluchtlinie der Langen Straße festlegen, eine Aufgabe, die viel Zeit in Anspruch nahm.

Anfang der 1880-er Jahre brachten Pläne für den - 1890 realisierten - Bau einer Pferdebahn eine neue Dynamik in die Tor-Affäre, deren Ende noch lange nicht in Sicht war. Zunehmend meldeten sich auch Stimmen zu Wort, das alte Stadttor zu erhalten. Als Alternative kam die Möglichkeit zur Sprache, den Verkehr über eine neue Straße um das Tor herumzuführen - eine Idee, die vor allem von Kreisbauinspektor Adalberg Hotzen favorisiert wurde. Professor Richard Haupt, der erste Provinzialkonservator in Schleswig-Holstein, und der Geheime Oberbaurat und Universitätsprofessor Friedrich Adler als Gutachter aus Berlin sprachen sich nach einem Lokaltermin ebenfalls für eine Erhaltung des Gebäudes aus.

Die Gegner des Tores aber ließen nicht locker. Das Thema beschäftigte weiterhin die städtischen Gremien, die Bürgerschaft und die Lokalpresse. Am 2. November 1882 entschieden die Stadtvertreter, die Voraussetzungen für den Abbruch zu schaffen. "Das ,hohe Thor steht auf dem Aussterbe-Etat", heißt es dazu in den SN. Und: "Das hohe Thor soll also danach bald das letzte Stündlein geschlagen haben."

Die Anhänger des Hohen Tors schöpften nochmals Hoffnung, als der Abbruch-Beschluss der Stadt "auf Anordnung des Herrn Ministers der geistlichen pp. Angelegenheiten inhibirt", also auf Eis gelegt wurde. Das Ministerbüro in Berlin entsandte daraufhin den Staatskonservator der preußischen Altertümer und Kunstdenkmäler, Geheimrat Heinrich von Dehn-Rothfelser, nach Schleswig. Der Experte kam zu der Auffassung, "daß dies alte Bauwerk keinen Kunstwerth, wohl aber einen historischen Werth habe". Eine finanzielle Hilfe Berlins für die Unterhaltung des Tors war aber nicht zu erwarten, so dass das Abriss-Verfahren nicht mehr zu stoppen war.

In der Ausgabe vom 30. November 1883 meldeten die SN, dass sich "auch schon Hammer und Meißel rühren, um dieses altehrwürdige Bauwerk vom Erdboden verschwinden zu lassen". Der Abbruch dauerte einige Wochen. Am 19. Januar 1884 war das Werk vollbracht: Der letzte Mauerstein wurde abgetragen. Einige Tage später veröffentlichten die Schleswiger Nachrichten im Feuilleton nicht ohne Wehmut einen literarischen Abgesang auf das Hohe Tor. In diesem Märchen werfen die durch das Abtragen des Baus heimatlos gewordenen Mäuse vorwurfvoll die Frage auf: "Warum habt ihr es heruntergerissen?"

Das fragten sich auch die nachfolgenden Generationen. Professor Ernst Schlee, langjähriger Gottorfer Museumsdirektor und Ehrenmitglied der Gesellschaft für Stadtgeschichte, kommentierte 1979 den Abbruch des Hohen Tores mit deutlichen Worten: "Erstmals schlug der Verkehr, mit dem sich eine neue Zeit ankündigte, schmerzhafte Wunden in das überkommende Stadtbild."
Das Hohe Tor
Wer sich ein anschauliches Bild machen will vom einstigen Hohen Tor mit seiner Turmspitze und der Galerie, der kann das an Hand eines Modells tun, das von dem Schleswiger Modellbauer Holger Jacobsen in jahrelanger Kleinarbeit geschaffen wurde. Das Mini-Tor, im Maßstab von 1:20 aus Holz und Pappe geformt, ist seit einigen Jahren im Eingangsbereich des Stadtmuseums im Friedrichsberg zu besichtigen. Die Gesellschaft für Stadtgeschichte hält die Erinnerung an das Stadttor von Schleswig wach, indem sie die Titelblätter ihrer Schriftenreihen „Beiträge“ und „Mitteilungen“ mit einer Abbildung des Bauwerks schmückt – so wie es kurz vor seinem Abbruch aussah. Ferner sorgte sie dafür, dass im Pflaster der Langen Straße jene Stelle markiert wurde, wo einst das Hohe Tor stand.

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