Stickstoff-Belastung im Kreis Schleswig-Flensburg : Dicke Luft auf der Geest

In der Masse ein Problem:  Gülle hat mit dazu beigetragen, dass unsere Luft zu viel Stickstoff enthält.
In der Masse ein Problem: Gülle hat mit dazu beigetragen, dass unsere Luft zu viel Stickstoff enthält.

„Ökologisch dramatische Situation“: Der Kreis Schleswig-Flensburg weist bundesweit die höchste Belastung der Luft durch Stickstoff auf.

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28. Juli 2015, 11:27 Uhr

Frische Luft? Von wegen. Thorsten Roos, der Leiter des Fachdienstes für Umwelt und Regionalentwicklung im Kreishaus schlägt Alarm: „Der Kreis Schleswig-Flensburg weist bundesweit die höchste Stickstoffbelastung in der Luft auf. Wir überschreiten in dieser Beziehung ständig Grenzen, der Stickstoff in unserer Luft ist ein massives Problem. Es ist eine ökologisch dramatische Situation.“ Der Stickstoff und seine Folgeverbindungen bedrohen die biologische Vielfalt, führen bei Menschen zu Atemwegs-Problemen, sie haben inzwischen die obersten Schichten des Grundwassers mit Nitrit verseucht und führen durch die Freisetzung von Lachgas zu einer zusätzlichen Verschärfung des Klimawandels, wie Roos deutlich machte.

Das Problem ist die Tatsache, dass durch die so genannten Errungenschaften der Zivilisation elementarer in reaktiven Stickstoff umgewandelt wird. So werden Stickstoffoxide, Ammoniak, Lachgas und Nitrit frei – die bedeutendsten Schadstoffe für Menschen und Umweltsysteme, wie es in einem Bericht des Umwelt-Bundesamtes heißt. „Unser eigentliches Problem ist Ammoniak,“, sagt Thorsten Roos. „Wir haben im Kreisgebiet eine hohe Konzentration von Rinder- und Schweinebetrieben, die ungewöhnlich viel Gülle produzieren. Bei uns wird ja beinahe jeder Quadratmeter gedüngt.“

Das stickstoffreiche Gut eignet sich hervorragend als Dünger, so genannte stickstoff-liebende Pflanzen entwickeln sich überproportional. Was die Landwirte freuen mag, hat aber negative Auswirkungen auf die biologische Vielfalt. Es gibt einen Verdrängungswettbewerb, Pflanzen, die nicht so sehr auf Stickstoff ansprechen, werden zurückgedrängt und sind vom Aussterben bedroht. Nach Auskunft von Roos ist die eher nährstoffarme Geest von den Problemen wesentlich stärker betroffen als die Landschaft Angeln. Auf der Geest konzentrieren sich die Biogasanlagen, bei denen tonnenweise Gärreste anfallen, dort wird auf vergleichsweise schlechten Böden der anspruchslose Mais angebaut – und dort wird alles zusammen meist in der Kombination mit Milchviehhaltung betrieben.

Thorsten Roos, der in seinem Fachbereich gleichermaßen für Naturschutz wie für Regionalentwicklung zuständig ist, macht deutlich, dass die Landwirte durchaus legal handeln, wenn sie Biogasanlagen betreiben oder Gülle auf den Feldern ausbringen. „Hier geht es um die Produktion von Lebensmittel, um Energiegewinnung und natürlich auch um Existenzen auf dem Lande.“

Aber Roos sieht durch die übergroße Nährstoff-Schwemme auch Probleme auf die Landwirte zukommen, denn die EU reagiert höchst empfindlich, wenn es ums Artensterben geht. Schon jetzt gibt es erhebliche Probleme, wenn sich beispielsweise ein Milchviehbetrieb erweitern will. Weil im Kreis Schleswig-Flensburg der Höchstwert der Gülleausbringung von 170 Kilo pro Hektar weit überschritten wird, muss für eine Erweiterung Ausgleich in der Nähe des Betriebs geschaffen werden. Doch die Flächen dafür sind kaum noch vorhanden. „Wir stoßen an unsere Grenzen“, sagt Roos und befürchtet, dass die EU bald Sanktionen verhängen wird, wenn die Artenreduzierung weitergeht – dann könnten finanzielle Strafe drohen oder eine weitere Verschärfung der Gülleverordnung.

Ein Vorgeschmack davon hat jetzt der Umweltausschuss des Europaparlaments gegeben. Er beschloss unter anderem, dass der Ammoniak-Ausstoß der Landwirtschaft EU-weit bis zum Jahr 2025 um 29 Prozent reduziert werden soll, in Deutschland sogar um 47 Prozent. Bei Methan liegt die Quote bei einem Minus von 39 Prozent. Der Deutsche Bauernverband reagierte prompt: Das würde die Milchviehhaltung verdrängen.

Thorsten Ross und seine Behörde sehen dem Stickstoffproblem nicht untätig zu. Geld dafür ist vorhanden: Zehn Millionen Euro, die als Ausgleich für Eingriffe in die Natur vornehmlich durch Windkraftanlagen gezahlt wurden. Damit sollen Wasserläufe und Moore renaturiert sowie andere Maßnahmen vorgenommen werden, die zur Entlastung der Luft beitragen. Roos weiß aber auch, dass diese Bemühungen ein Kampf gegen Windmühlen sind.

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