"Diana" ziert jetzt die Museumsinsel

<strong>Statt im Park</strong> am Schleswiger OLG steht 'Diana' jetzt im Berliner Kolonnadenhof.
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Statt im Park am Schleswiger OLG steht "Diana" jetzt im Berliner Kolonnadenhof.

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05. Juni 2010, 07:50 Uhr

Berlin | Ein Japaner linst durchs Makro-Objektiv. Scharfstellen auf die Göttin der Jagd. In fast greifbarer Nähe steht Diana auf ihrem Sockel, ihr Blick fällt auf streng geschnittene Buchsbaumhecken im frisch restaurierten Kolonnadenhof. Diana, die nackte Dame mit den hoch gebundenen Sandalen, hält Hof auf Berlins Museumsinsel. Und Touristen halten die 1,74 Meter hohe Bronzeskulptur, die zwischen Neuem Museum und Alter Nationalgalerie ihren neuen Platz bekam, für die Ewigkeit fest. Nach 82 Jahren müssen jetzt auch Schleswiger in die Hauptstadt reisen, um Diana zu sehen, ihre lieb gewonnene Statue von Reinhold Felderhoff (1865 bis 1919), die bis zum Sommer 2009 den kleinen Park gegenüber dem "Roten Elefanten" geschmückt hatte - über Generationen hinweg. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz jedoch machte dem Leihvertrag plötzlich ein Ende und holte ihr Eigentum zurück. Was sagt Berlin zum Thema, warum wurde die Leihgabe widerrufen, sodass nur noch ein beschädigter Betonsockel an Dianas Aufenthalt in Schleswig erinnert?

"Damals handelte es sich um Leihgaben auf Widerruf", sagt Wissenschaftlerin Dr. Angelika Wesenberg auf Anfrage. "So hält sich ein Besitzer alle Rechte offen." Dieses Recht hat sich Berlin jetzt genommen - aber aus welchem Anlass?

Der Verschönerungsverein der Stadt Flensburg, die selbst die vom Husumer Bildhauer Adolf Brütt (1855 bis 1939) geschaffene Bronze-Gruppe "Gerettet" entbehren muss, kennt den Grund. "Die Berliner brauchten diese Skulpturen", sagt Friedrich Schreiber, der um den Verbleib des alten Fischers mit einem beinahe ertrunkenen Mädchen gekämpft hatte. In Berlin erklärt Wissenschaftlerin Wesenberg: "Uns war klar: Wenn wir wieder gepflegte Flächen haben, müssen dort auch Skulpturen stehen. Ausschließlich Bronzefiguren des 19. und frühen 20. Jahrhunderts."

Neben Diana und dem lebensrettenden Alltagshelden sind inzwischen fünf weitere Statuen im 12 900 Quadratmeter großen, von Kolonnaden eingerahmten Hof verteilt. Nach einer Generalsanierung für insgesamt knapp 20 Millionen Euro wird das Gelände an diesem Sonntag wiedereröffnet. Die Feier am Welterbetag soll zugleich daran erinnern, dass die Berliner Museumsinsel seit zehn Jahren zum Unesco-Weltkulturerbe zählt.

Warum fiel die Entscheidung auf Diana? Die einst im Kolonnadenhof ausgestellten Skulpturen, früher im Besitz der Ostberliner Nationalgalerie, sollten "aus restauratorischen Gründen" nicht mehr unter freiem Himmel aufgestellt werden, erklärt Kunsthistorikerin Brigitte Schmitz. Konsequenz: Das Museumsteam durchforstete den Gesamtbestand an Bronzen, auch solche Skulpturen, die aus der ehemaligen Westberliner Nationalgalerie hinzugekommen waren - darunter alte Dauerleihgaben wie Felderhoffs Diana. Nachdem Schleswigs damaliger Bürgermeister Dr. Oscar Behrens den Leihvertrag Ende 1927 mit Berlin geschlossen hatte, war Diana acht Jahrzehnte lang nur deshalb nicht reklamiert worden, weil die Nationalgalerie laut Schmitz "keinen angemessenen Aufstellungsort finden konnte". Bis jetzt.

Schleswig und Flensburg haben das Nachsehen. Hatte Schleswig keine Chance? "Leider nicht", heißt es aus dem Rathaus. "Der Vertrag konnte nicht verlängert werden." Kritik an Berlin übt der Flensburger Verschönerungsverein. "Man hat uns ein Stück Heimat genommen", so Vereinsvorsitzender Schreiber, der seine Kindheit mit Brütts Fischer-Statue verbindet, die nach 82 Jahren vom Flensburger Museumsberg auf die Museumsinsel an der Spree verfrachtet wurde. "Wir haben die Aktion als Wegnahme empfunden, obwohl alles rechtens zuging. Es war wie ein Adrenalinschock." Daraus wurde eine Bürgerbewegung, die alle Hebel in Bewegung setzte, um Geld für einen Abguss der 1,76 Meter hohen Skulptur zu beschaffen. Kostenpunkt: 30 000 Euro. Zunächst gab es Querelen um den Abguss, schließlich erklärte sich die Stiftung Preußischer Kulturbesitz sogar bereit, Mehrkosten in Höhe von 14 000 Euro für eine neue Negativform zu übernehmen. Der Originalabguss wurde jüngst in Flensburg enthüllt. Den Auftrag für die Kopie hatte die Berliner Gießerei Noack erhalten. Dort war 1910 auch Diana als lebensgroße Statue entstanden.

Berlin, im Juni 2010. Im hinteren Kolonnadenhof hält der Fischer das völlig entkräftete Mädchen in seinen Armen. Die antike Jagdgöttin, die sich mit einem Band den Köcher anlegt, posiert gleich am Eingang. Sie machen aus dem Kolonnadenhof einen Skulpturengarten. Sie bilden Anfang und Ende eines Weges, quer durch den Strom der Spaziergänger. Führungen: "Skulpturen im Kolonnadenhof der Museumsinsel", Sonntag, 1. August, 15 Uhr; Donnerstag, 12. August, 19 Uhr. Treff jeweils: Alte Nationalgalerie, Kasse ANG

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