Hilfe für flüchtlinge : Deutschkurs als Türöffner

VHS-Lehrerin Frauke Budig  (hinten 2.v.l.) leitet zurzeit gemeinsam mit Hildburg Hornbogen-Stawinoga (nicht im Bild) die Deutschkurse für Flüchtlinge in Busdorf. Die Teilnehmer um Alo Alo (hinten 3.v.l.)  können während des Unterrichts abwechselnd die Kinder betreuen.
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VHS-Lehrerin Frauke Budig (hinten 2.v.l.) leitet zurzeit gemeinsam mit Hildburg Hornbogen-Stawinoga (nicht im Bild) die Deutschkurse für Flüchtlinge in Busdorf. Die Teilnehmer um Alo Alo (hinten 3.v.l.) können während des Unterrichts abwechselnd die Kinder betreuen.

Eigentlich haben Flüchtlinge erst nach neun Monaten Aufenthalt Anspruch auf Sprachkurse – in Busdorf ist das früher möglich.

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24. Juni 2014, 12:07 Uhr

Sieben und Zwanzig, Acht und Zwanzig, Neun und Zwanzig: Warum die deutsche Sprache die Eigenart besitzt, bei zweistelligen Zahlen zuerst die letzte Ziffer zu nennen, ist schwer zu verstehen. Insbesondere für diejenigen, die Deutsch erst lernen müssen. Wenn man dann noch aus einem Land kommt, in dem nicht die lateinische Schrift verwendet wird, kann es richtig schwierig werden. Die meisten Menschen, die als Flüchtlinge nach Deutschland kommen, könnten ein Lied davon singen – zumindest, wenn man sie ließe. Denn sie haben erst nach einem Aufenthalt von neun Monaten Anspruch auf einen bezahlten Deutschkurs. „Viel zu spät“, wie Rüdiger Tietz findet. Deshalb hat der ehemalige Deutschlehrer aus Schleswig jetzt in Zusammenarbeit mit der evangelischen Kirchengemeinde Haddeby und den Schleswiger Service-Clubs ein in der Region einmaliges Projekt gestartet, um diese „irrsinnige und unverantwortliche Regelung“ zu umgehen.

Seit Anfang Juni erhalten nun alle Flüchtlinge, die im Amt Haddeby leben, sowie ein irakischer Kurde, der in Schleswig untergebracht ist, Deutschunterricht von qualifizierten Lehrkräften; an jeweils drei Vormittagen im Busdorfer Ansgarhaus. 1150 Euro hat Tietz für diesen Zweck als gemeinsame Spende der Rotary Clubs Schleswig und Gottorf, des Schleswiger Round Table Clubs sowie der Lions eingeworben. „Wir dürfen diese Menschen nicht alleine lassen, deswegen machen wir das“, betont der 68-Jährige.

Geweckt wurde Tietz’ Engagement durch seine Teilnahme am „Runden Tisch für Schutzsuchende“, der im März auf Initiative von Bürgern aus dem Amt Haddeby unter Schirmherrschaft der Kirchengemeinde ins Leben gerufen wurde. Nachdem die SN von der Gründung berichtet hatte, gingen bei Pastor Witold Chwastek zahlreiche Anfragen von Frauen und Männern ein, die den Flüchtlingen helfen wollten, darunter auch Rüdiger Tietz. „Das Schicksal dieser Familien, die oft Schreckliches erlebt haben, ist den Menschen hier in der Region nicht egal. Im Gegenteil. Dass der Runde Tisch aus der Bevölkerung heraus initiiert wurde, sagt doch alles“, sagt Chwastek.

Seit März, als die ersten Flüchtlinge in Haddeby ankamen, stehen nun einzelne „Lotsen“ den Familien, die aus Syrien, Afghanistan, Tschetschenien und Serbien (Roma) stammen, mit Rat und Tat zur Seite – und zwar ehrenamtlich. Eine nicht gerade leichte Aufgabe, wie der Pastor zugibt. „Wir müssen und wollen die Flüchtlinge mit all ihren Fragen – und erscheinen sie auch noch so unwichtig – ernst nehmen. Aber wir kommen dabei auch an unsere Grenzen. Deswegen wollen wir in erster Linie Hilfe zur Selbsthilfe leisten – nur dann verschleißen wir auch nicht unsere Helfer.“

Dass die deutsche Sprache am Ende der Schlüssel zur Lösung vieler Probleme ist, war den Teilnehmern des Runden Tisches schnell klar. Und so sind auch die Flüchtlinge sichtbar froh darüber, jetzt dank des Deutschkurses Schritt für Schritt besser klar zu kommen in ihrer neuen Umgebung. „Wir wollen die Menschen hier einfach nur verstehen“, fasst es der Syrer Alo Alo (43), der inzwischen auch regelmäßig zu den Treffen des Schleswiger Schachclubs geht, stellvertretend für seine Mitschüler zusammen. Über die Unterstützung aus der Bevölkerung und die Akzeptanz, die er verspüre, sei er sehr dankbar.

Das wiederum ist auch Rüdiger Tietz. Denn mit Hilfe der Spende der Service-Clubs ist ein Fortführen des Deutschkurses erst einmal gesichert. Für die Zukunft plant er allerdings, pensionierte Lehrer mit dem Unterricht zu betreuen.


> Infos: Rüdiger Tietz (Tel. 98 98 06); Pastor Witold Chwastek (99 01 17)

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