Schleswig : Der Weg zurück ins Leben

Heidi Knoch-Santen und Wilfried Deuermeier begleiten Trauernde nach einem Suizid.
Heidi Knoch-Santen und Wilfried Deuermeier begleiten Trauernde nach einem Suizid.

Der Ambulante Hospizdienst bietet einen Gesprächskreis für Trauernde nach einem Suizid an.

Jonna frei.jpg von
20. Februar 2018, 07:00 Uhr

„Man funktioniert nur noch, kann keinen klaren Gedanken fassen, ist gefühlsmäßig total durcheinander und nicht mehr in der Lage, am realen Leben teilzunehmen“, versucht Lara Hansen die unwirkliche Lage und ihre Gefühlswelt nach dem Suizid ihres Bruders zu beschreiben. Lara Hansen, die eigentlich einen anderen Namen trägt, den sie aber nicht preisgeben möchte, hat fünf Monate nach dem Tod ihres Bruders Hilfe beim Ambulanten Hospizdienst in der Lutherstraße gesucht – und gefunden, wie sie versichert. „Plötzlich steht man nicht mehr allein da, hat jemanden zum Reden und es passiert ganz viel in einem“, berichtet sie weiter.

Ein zentrales Thema der Menschen, die um jemanden trauern, der Suizid begangen hat, sei die Schuld: „Die Menschen tragen ein Schuldgefühl mit sich herum, das ganz klar vom Schuld haben zu unterscheiden ist“, erklärt Trauerbegleiterin Heidi Knoch-Santen. Sie war es auch, die den Bedarf für diese spezielle Form der Begleitung erkannte und 2015 den „Gesprächskreis für Trauernde nach einem Suizid“ ins Leben rief. Gemeinsam mit Wilfried Deuermeier leitet sie feste Gruppen Trauernder, bestehend aus zwei oder drei, maximal sechs Personen, durch jeweils zehn Sitzungen. Anhand eines Grundgerüsts und mit einigen konstruktiven Techniken sollen die Trauernden wieder festen Boden unter die Füße bekommen. Die Teilnehmer geben die Themen vor. Da die Gesprächskreise in einem Abstand von 14 Tagen stattfinden, hätten die Betroffenen immer viel Zeit, das Besprochene zu verarbeiten.

„Die ersten Male waren schon hart, weil man gefühlt alles nochmal durchmacht“, erinnert sich Lara Hansen. Doch gleichzeitig habe sie gemerkt, wie gut ihr die Gespräche taten, wie heilsam sie waren. „Mir ging es nach jeder Sitzung besser und ich begann wieder, am Leben teilzunehmen.“

Neben Schuldgefühlen geht es bei den Betroffenen auch häufig um Wut, erklärt Knoch-Santen, die eine zweijährige Ausbildung zur systemischen Trauerbegleiterin machte und sich laufend fortbildet. „Man muss sich klar machen, in welch einem unglaublichen Chaos der Suizidant die Hinterbliebenen zurücklässt, natürlich ist man da auch wütend“, erklärt die Trauerbegleiterin. Doch Suizid sei immer noch ein Tabuthema – und Wut werde häufig missverstanden.

Die Trauer nach einem Suizid verlaufe ganz anders als bei anderen Formen der Trauer, erklärt Deuermeier. Der Sozialpädagoge und Diakon machte ebenfalls die Basisausbildung zum Trauerbegleiter und erklärt, dass der Trauerprozess häufig erst viel später einsetze. Wichtig sei es, ein Gespür für die Menschen zu bekommen, herauszufinden, was sie brauchen, wo angesetzt werden muss. „Wir fahren hier keinen Kuschelkurs, sondern arbeiten mit den Teilnehmern, auch wenn es schmerzhaft ist.“

Nach zehn Sitzungen ist dann Schluss: „Hier erarbeiten die Menschen sich eine Basis, mit der sie wieder in ihr Leben zurückkehren können, deshalb ist wichtig, ein Ziel zu haben“, erklärt Deuermeier. Das heiße aber nicht, dass die Türen verschlossen seien, je nach Bedarf werden die Trauernden auch weiterhin begleitet.

Überhaupt gebe es verschiedene Möglichkeiten. Das Arbeiten in der Gruppe sei nicht für jeden geeignet. Das entscheiden die Trauerbegleiter im Einzelgespräch mit den Betroffenen. Grundsätzlich sei der erste große Schritt getan, wenn man sich beim Hospizdienst melde, um erstmal ins Gespräch zu kommen, so Knoch-Santen.

Der Gesprächskreis für Trauernde nach einem Suizid findet 14-täglich dienstags von 19 bis 21 Uhr statt. Infos unter Tel.: 0 46 24/991721 oder Email: hospizdienst.sl@kirche-slfl.de

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