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Schleswiger Nachrichten

23. November 2017 | 21:38 Uhr

Schloss Gottorf : Der Turm, den keiner kannte

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Bei Bauarbeiten vor Schloss Gottorf wurde ein mittelalterliches Fundament freigelegt. Die hauseigenen Archäologen stehen vor einem Rätsel.

shz.de von
erstellt am 08.Apr.2014 | 07:45 Uhr

Schleswig | Die Archäologen von Schloss Gottorf stehen vor einem Rätsel. Entdeckt haben sie es direkt vor ihrer eigenen Haustür. Eigentlich sollten dort nur ein paar Regenwasserleitungen erneuert werden. Doch vor dem Westflügel des Schlosses stießen die Bauarbeiter am vergangenen Mittwoch nur 30 Zentimeter unter der Oberfläche auf Ziegelsteine, von denen niemand etwas ahnte. Die Wissenschaftler des Landesmuseums nahmen den Fund genauer unter die Lupe – und wenige Tage später hatten sie ein kreisrundes Fundament mit zwölf Metern Durchmesser freigelegt. Ausgräber Dr. Joachim Schultze ist sich sicher: Hier stand einst ein Turm, und zwar einer, der genau so ausgesehen haben muss wie der so genannte Schlachterturm an der Nordwestecke des Schlosses. Denn die Maße des Fundamentes sind identisch. „Die Baugeschichte des Schlosses muss umgeschrieben werden“, sagt er. Denn von diesem Turm hat bislang niemand etwas geahnt.

Die Entdeckung stellt alles auf den Kopf, was man über den vorhandenen Schlachterturm zu wissen meinte. Vieles spricht dafür, dass er nicht – wie bisher angenommen – aus dem späten 16. Jahrhundert stammt, sondern deutlich älter ist. Das würde bedeuten, dass die Türme zur mittelalterlichen Burganlage gehörten, über die man nur sehr wenig weiß. „Wir hatten nicht gedacht, dass Gottorf schon im Mittelalter so stark befestigt war“, sagt Heiko Schulze, der sich im Kieler Landesamt für Denkmalpflege mit der Baugeschichte des Schlosses beschäftigt.

Die Gottorfer Museumsleute vermuten, dass der Turm schon vor dem Jahr 1584 wieder abgerissen worden sein muss. Als Hinweis dient ihnen das berühmte Schleswiger Stadtpanoramabild von Georg Braun und Frans Hogenberg aus jenem Jahr. Dort ist von dem Turm nichts zu sehen. Dies könne freilich auch daran liegen, dass er zu jener Zeit nicht gerade als Schmuckstück galt, gibt Heiko Schulze zu bedenken. „Solche Gemälde hatten immer auch eine Propaganda-Funktion, da wurde einfach weggelassen, was nicht passte.“

Wann genau der Turm abgerissen wurde, wird schwer zu ermitteln sein. Doch zur Frage, wann er gebaut wurde, erhoffen sich die Archäologen innerhalb der nächsten zwei Monate wichtige Hinweise. Unterhalb des Fundamentes haben sie hölzerne Pfähle entdeckt. Sie lassen sich im Labor datieren. Das Ergebnis könnte rund um das Jahr 1400 liegen – darauf deuten jedenfalls die geformten Ziegelsteine hin, die Joachim Schultze im Fundament entdeckt hat.

Die Museumsbesucher auf Gottorf hatten nur wenige Tage lang die Chance, aus der Distanz einen Blick auf das freigelegte Mauerwerk zu werfen. Heute wird es wieder zugeschüttet, und die Arbeiten an der Regenwasserleitung gehen weiter. „Natürlich wäre es ein Traum, dauerhaft einen Blick auf das Fundament zu ermöglichen und es in Führungen zur Baugeschichte einzubinden“, sagt Museumssprecher Frank Zarp. „Aber das wäre sehr aufwendig und lässt sich momentan nicht realisieren.“

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