Der Todesengel im Arztgewand

Hilde Wernicke auf der Anklagebank des Berliner Schwurgerichts: Am 26. März 1946 wurde sie gemeinsamit mit einer Mitangeklagen wegen hundertfachen Mordes zum Tode verurteilt.
Hilde Wernicke auf der Anklagebank des Berliner Schwurgerichts: Am 26. März 1946 wurde sie gemeinsamit mit einer Mitangeklagen wegen hundertfachen Mordes zum Tode verurteilt.

Aus Schleswig stammende Nazi-Medizinerin ließ zwischen 1942 und 1945 hunderte von psychisch kranken Patienten töten

shz.de von
22. November 2012, 07:20 Uhr

Schleswig | Sie entschied über Leben und Tod: Als Oberärztin der pommerschen Heil- und Pflegeanstalt Obrawalde im brandenburgischen Kreis Meseritz wählte Hilde Wernicke jene Patienten aus, die von den ihr unterstehenden Krankenschwestern und Pflegerinnen mit einer Injektion ermordet wurden. Damit beteiligte sich die aus Schleswig stammende Medizinerin aktiv an dem mit dem Tarnbegriff "Euthanasie" (Gnadentod) bezeichneten nationalsozialistischen Massenmord an psychisch Kranken und geistig Behinderten, dem mehr als 200 000 Menschen zum Opfer fielen. Gesteuert wurde dieses Verbrechen von einem Amt in Berlin, das seinen Sitz in der Tiergartenstraße 4 hatte. Die Adresse gab diesem staatlich organisierten Töten den Decknamen: "Aktion T4". Nach dem offiziellen Ende dieses Programms wurden in der "wilden Euthanasie" die Behindertenmorde fortgesetzt - auch in Obrawalde mit der Ärztin Wernicke als "Todesengel".

Gertrud Emmy Hilde Wernicke - so wird sie im Schleswiger Geburtsregister verzeichnet. Geboren wurde sie am 11. November 1899 als Tochter eines königlichen Offiziers. Sie bestand in Mainz das Abitur und entschied sich für ein Medizinstudium an der Universität in Frankfurt am Main, wo sie 1924 die medizinische Staatsprüfung bestand.

Im darauffolgenden Jahr erwarb sie die ärztliche Approbation. 1926 folgte in Marburg ihre Promotion. In ihrer Doktorarbeit beschäftigte sie sich mit der "Beeinflussung des weiblichen Körpers durch systematische Leibesübungen". Ihre erste Anstellung fand Hilde Wernicke als Assistenzärztin in der psychiatrischen Heil- und Pflegeanstalt Obrawalde. Dort blieb sie bis zum Kriegsende 1945. In der Zeit avancierte sie zur Oberärztin. Sie trat 1933 der NSDAP bei und war Mitglied der NS-Frauenschaft, für die sie ab 1940 als Ortsgruppenleiterin amtierte.

Als Anstaltsoberärztin entschied sie darüber, wer von den Patienten sein Leben verwirkt hatte. In den Jahren 1943 und 1944 fungierte die Anstalt als Tötungszentrum für Regionen im nördlichen Teil des Deutschen Reichs. In diesen Jahren trafen zahlreiche Transporte mit Geisteskranken und Behinderten in Obrawalde ein - auch aus Schleswig. Am 14. September 1944 zum Beispiel setzte sich mit der Reichsbahn von Schleswig aus ein Transport mit 697 Erwachsenen und Jugendlichen aus der Anstalt Stadtfeld gen Osten in Bewegung. Die meisten Patienten aus Schleswig starben in Obrawalde.

In der etwa 50 Kilometer östlich von Frankfurt/Oder gelegenen Einrichtung wurden von 1942 bis 1945 insgesamt schätzungsweise 10 000 Menschen umgebracht. Als sich Anfang 1945 die Kriegsfront näherte und Soldaten der Roten Armee die Anstalt befreiten, fanden sie etwa 1000 Patienten vor, viele Massengräber, aber nicht die an den Morden beteiligten Ärzte und Schwestern. Hilde Wernicke und ihre rechte Hand, die Oberschwester Helene Wieczorek, die auf Anweisung der Ärztin die Morphium-Skopolamin-Spritze verabreicht hatte, hatten sich nach Wernigerode im Harz abgesetzt. Dort wurden sie im Sommer 1945 aufgespürt und verhaftet. Beide Frauen wurden vor dem Schwurgericht am Landgericht Berlin wegen ihrer Beteiligung an Euthanasieverbrechen angeklagt und am 26. März 1946 wegen gemeinschaftlichen hundertfachen Mordes zum Tode verurteilt. Es war einer der ersten Prozesse wegen Verbrechen im Zusammenhang mit dem so genannten "Gnadentod-Programm" der Nationalsozialisten.

Hilde Wernicke beschrieb vor Gericht ihre Rolle in der Tötungsmaschinerie folgendermaßen: "Meine Aufgabe war es, aus der Masse der der Anstalt zugeführten Kranken die noch zu geringem Arbeitseinsatz fähigen Kranken auszusieben und von der Tötung zurückzunehmen. Es kamen nur wirklich unheilbar, zum Teil mit schwersten körperlichen Leiden behaftete Geisteskranke zur Einschläferung, für die der Tod im wahrsten Sinne eine Erlösung bedeutete."

Diese Argumentation ließ das Gericht nicht gelten. Die Ärztin und die Krankenschwester hätten aus "niedrigen Beweggründen" und heimtückisch gehandelt und das Vertrauen der Kranken auf eine heilende Behandlung in gröbster Weise missbraucht. Auch wenn Wernicke nicht selbst zur Giftspritze gegriffen habe, habe die Entscheidung über Leben und Tod ausschließlich in ihren Händen gelegen. "Beide Angeklagte haben an einem Vernichtungswerk größten Ausmaßes teilgenommen", heißt es in der Urteilsbegründung. Eine Revision wurde vom Kammergericht in Berlin verworfen. Eine von der Alliierten Kommandantur eingesetzte Berufungskammer lehnte die Gnadengesuche der verurteilten Frauen ab. Sie wurden am 14. Januar 1947 in Berlin-Moabit hingerichtet: Ihr Leben endete unter dem Fallbeil.

Prozess und Urteil fanden eine weltweite Resonanz. Die Defa-Wochenschau "Der Zeitzeuge" widmete sich in einem Beitrag der - so der Kommentar - "entsetzlichen Tat" der Verurteilten. Eine amerikanische Besatzungszeitung, die ein Reporterteam zu einem Gespräch mit den Frauen in die Gefängniszelle geschickt hatte, titelte "Ein Krankenhaus war ihre Mord-Fabrik: Verurteilte Frauen zeigten keine Reue" und zitierte Hilde Wernicke mit den Worten: "Eine große Ungerechtigkeit ist uns angetan worden. Ich tat nur meine Pflicht." Über den Fall wurde in der New York Times ebenso berichtet wie etwa in der australischen Zeitung "The Argus".

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