Zeitzeuge Wilfried Blindow blickt zurück : Der Tag, an dem die Briten kamen

Über dem „Hotel Stadt Hamburg“ im Lollfuß weht im Mai 1945 die britische Flagge; davor englische Soldaten.
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Über dem „Hotel Stadt Hamburg“ im Lollfuß weht im Mai 1945 die britische Flagge; davor englische Soldaten.

Mit dem Einmarsch englischer Truppen endete in Schleswig vor 70 Jahren der Zweite Weltkrieg.

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16. Mai 2015, 07:37 Uhr

Spätestens als Wilfried Blindow irgendwo im Niemandsland in der Nähe von Süderlügum mit einem Spaten in der Hand auf einem Acker stand, wurde ihm langsam aber sicher klar: Das mit dem Endsieg, das wird nichts mehr. Gemeinsam mit etlichen anderen jungen Männern war er einen Tag zuvor am Schleswiger Bahnhof in einen Zug gen Norden gestiegen, um eine „besonders wichtige Aufgabe“, wie man ihnen damals mit auf den Weg gab, zu übernehmen. Die Mitglieder der Hitler-Jugend mussten im Herbst 1944 den sogenannten Friesenwall graben, der es den Alliierten unmöglich machen sollte, über Dänemark nach Deutschland einzufallen. Dass es anders kam, erlebte nicht nur Blindow gut ein halbes Jahr später. Am 6. Mai 1945 stand der damals 15-Jährige vor der Schleihalle und sah zu, wie die ersten britischen Soldaten in Schleswig einfuhren – der Zweite Weltkrieg war damit, zumindest für die Bewohner der Schleistadt, zu Ende.

Der 70. Jahrestag dieses historischen Ereignisses hat auch in Wilfried Blindow, der am 17. August 1929 in Schleswig geboren wurde, viele Erinnerungen wach gerufen. Plötzlich waren sie wieder da, all die Bilder. Und damit die Gefühle, die sich damals mit ihnen verbanden. „Ich wollte meinen Freund Bertheau besuchen, der zu der Zeit an der Schleistraße wohnte. Ich stand gerade dort, wo später lange der Dani-Imbiss war, als ich plötzlich von Westen her einen Jeep und zwei Lastwagen kommen sah – und zwar nicht gerade langsam. Ich wusste sofort, dass es die Engländer waren“, erinnert sich Blindow. Als die voll besetzten Wagen an ihm vorbei Richtung Rathaus gefahren waren, sei er sofort nach Hause gelaufen und habe seiner Mutter Bescheid gesagt. „Endlich war der Spuk vorbei.“

Die Familie hatte damals im Lollfuß 76 gewohnt, direkt neben dem Amtsgericht. Die meiste Zeit allerdings ohne den Vater. Denn der war, so erzählt sein Sohn, bereits seit 1939 im Kriegseinsatz und wurde später, nachdem er in Russland erkrankt war, als untauglich erklärt und dann beruflich nach Berlin strafversetzt worden. „Er war Beamter, hatte immer Ärger mit der Obrigkeit, weil er sich mehrfach geweigert hat, Befehle auszuführen und in die NSDAP einzutreten“, sagt Blindow. Dementsprechend musste er selbst schon in jungen Jahren Verantwortung übernehmen. So auch, als die Briten, einen Tag nachdem sie in Schleswig angekommen waren, öffentlich dazu aufgerufen hatten, ihnen sämtliche Waffen und Fotoapparate auszuliefern. Da schnappte sich Wilfried Blindow kurzerhand die Schrotflinte und die Pistole seines Vaters, die noch zu Hause auf dem Dachboden lagen, und versenkte sie heimlich im Burggraben vor Schloss Gottorf. „Ich wollte einfach nicht, dass es Ärger gibt“, sagt er. Denn bis zuletzt habe man nicht gewusst, „was einen nun zu erwarten hat.“ Denn man habe zwar in den letzten Kriegsjahren immer wieder heimlich BBC gehört. „Das deutsche Propaganda-Radio aber hat einem schon gehörig Angst gemacht vor den Feinden und ständig erzählt, was sie alles Schlimmes machen würden.“

Dass dem nicht so war, erkannte Blindow allerdings schon nach wenigen Tagen. So sei die zunächst verhängte Ausgangssperre (von abends 22 bis morgens 6 Uhr) schnell wieder aufgehoben worden. An besonders heikle Vorfälle erinnert er sich nicht. Daran, dass der Schulunterricht für ihn erst einmal ausfiel, hingegen schon. Zwar war seine Schule, die Domschule, schon im Januar 1945 für Lazarettzwecke geräumt und die Klassenräume, so gut es ging, in die benachbarte Strandhalle verlegt worden. „Nach Kriegsende aber war erst einmal Schluss. Die Lehrer mussten zunächst entnazifiziert werden, wurden zum Teil sogar interniert. Und wir mussten uns alle in der Alten Post melden und bekamen Arbeitsdienste zugeteilt.“

Schon damals, so betont Blindow, habe sich all das wie eine Befreiung für ihn angefühlt. Denn insbesondere in den letzten Kriegsmonaten wurde es auch für ihn persönlich immer ungemütlicher. Nach dem Dienst am Friesenwall sei bei den regelmäßigen Treffen der Hitlerjugend (im Gebäude in der Bahnhofstraße 16, in dem heute die Awo ihren Sitz hat, oder im Keller des Finanzamtes) der Druck auf ihn und die anderen Jugendlichen immer größer geworden. Auf einem Schießstand in der Windallee wurde der Umgang mit dem Gewehr geübt, manche mussten sich „freiwillig“ für Sonderdienste melden, gleichzeitig drohte die Einberufung ins sogenannte Wehrertüchtigungslager – und damit absehbar ein Einsatz für den „Endsieg“. „Als Ende April der entsprechende Brief bei uns ankam, haben meine Mutter und ich besprochen, dass wir nicht antworten und ich möglichst selten zu Hause bin, falls jemand nach mir fragt“, erzählt Blindow, der auch sonst noch sehr genaue Erinnerungen an seine Kindheit während des Krieges in Schleswig hat. Besonders ist dabei die Nacht zum 26. April 1941 haften geblieben: Damals hat ein Flugzeug, offenbar auf dem Weg nach Kiel, fünf Sprengbomben über der Stadt abgeworfen – die alle in der Nähe von Blindows Zuhause eingeschlagen sind: am Chemnitz-Bellmann-Denkmal, auf der Schützenkoppel (die beiden waren Blindgänger), auf dem Lollfuß vor der damaligen Spedition Dehn, am Anleger der Schleidampfers und direkt dahinter in der Schlei. „Ums Leben gekommen ist zum Glück niemand, aber es hat für große Aufregung gesorgt. Danach saßen wir bei Fliegeralarm oft mit Sack und Pack im Luftschutzbunker hinter dem Amtsgericht“, erzählt Blindow, der deshalb umso glücklicher sei, dass die ganze Familie – auch sein Vater – den Krieg heil überstanden hat.

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