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Aggressiver Weißstorch in Schafflund : Der „Rabauke“ sorgt für Ärger

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Der Großvogel greift mitten im Dorf immer wieder Fensterscheiben und Autos an.

Wenn im Frühjahr die ersten Störche die Nester im nördlichen Schleswig-Holstein besetzen, ist die Freude in der Bevölkerung groß. In vielen Dörfern sind die schönen Vögel als Attraktion beliebt und werden von Freiwilligen hingebungsvoll gepflegt. Das ist in Schafflund normalerweise nicht anders. Bereits seit 1961 gibt es auf dem Schornstein einer ehemaligen Gärtnerei ein Nest, das seitdem durchgehend besetzt war. In diesem Jahr aber gibt es Probleme – und das liegt an einem männlichen Storch, der viel Ärger macht. Die Schafflunder haben ihn inzwischen verniedlichend „Rabauke“ getauft, was die Stimmung allerdings nicht ganz richtig wiedergibt: Viele Anwohner sind inzwischen ziemlich genervt vom aggressiven Verhalten des unberingten Vogels, den seine Betreuerin Dörte Stielow „verhaltensauffällig“ nennt. Er greift laufstark sein Spiegelbild in Fensterscheiben in der Umgebung an, attackiert Autos, sorgt auf der Bundesstraße derart für Verkehrsbehinderungen, dass Radiomeldungen vor ihm warnen müssen, versucht seine Jungen mit Kaffeefiltern vom Kompost und Grassoden zu füttern und hätte fast für den Niedergang seiner ganzen Familie gesorgt.

Das Storchennest befindet sich auf dem Gelände des Elternhauses von Dörte Stielow. Die 54-Jährige ist mit Störchen aufgewachsen und hat das Wohl ihrer Schützling immer im Blick. Dass in diesem Jahr ein Problem-Storch in Schafflund nistet, wurde schnell klar. Schon bevor die vier Jungen am 22. Mai schlüpften, verteidigte er sein Revier vehement. In den zahlreichen Glasscheiben von Schaufenstern und Türen sah er sein Spiegelbild, glaubte einen Konkurrenten vor sich zu haben und griff an. Das laute Klopfen begann bei Sonnenaufgang und trieb nicht nur Dörte Stielow aus dem Bett. Wochenlang musste sie den Storch mitten in der Nacht wieder in sein Nest jagen. Doch damit nicht genug – er spazierte ohne Scheu durchs Dorf und über die Bundesstraße, ließ sich auch vor Hunden nicht beirren und hackte auch auf Autos ein. Im Laufe der Zeit verklebte Dörte Stielow ungezählte Fensterscheiben in Schafflund mit Zeitungspapier, damit der kampfeslustige Storch darin keinen Gegner mehr sehen konnte.

Jörg Heyna, beim Nabu Weißstorch-Gebietsbetreuer für die Kreise Schleswig-Flensburg und Nordfriesland, glaubte zunächst, die Probleme würden sich legen, sobald die Brut geschlüpft ist. „Dann haben solche Störche normalerweise genug damit zu tun, Nahrung für die Jungen heranzuschaffen“, sagt er. Mit seiner Prognose aber lag er in diesem Fall komplett daneben.

Am 24. Mai schlüpften vier Junge, zwei Tage später lag eines davon tot unter dem Nest, fünf Tage später wurde ein zweites leblos im Nest gesichtet. Und Vater Storch zeigte eine gefährliche Schwäche: Er erwies sich nicht gerade als Spezialist bei der Nahrungsbeschaffung. „Er schleppte massenhaft Kaffeefilter heran, die er aus Komposthaufen klaubte, manchmal auch Grassoden“, berichtet Dörte Stielow. Mutter Storch war deshalb allein für die Versorgung zuständig. Das überforderte sie offensichtlich, weil sie nicht nur die Jungen und sich selbst ernähren musste, sondern auch den Vater. „Hinzu kommt, dass es in diesem Jahr wesentlich weniger Mäuse, Maulwürfe und Ratten gibt als sonst“, erklärt Dörte Stielow, „das Nahrungsangebot ist mager.“

Und auch der Kampfgeist des Storchs ließ nach – bis am 15. Juni das dritte Storchenküken tot im Nest gesichtet wurde. Als der „Rabauke seine „Kampfhandlungen“ wieder aufnahm, musste eine schnelle Entscheidung her. Dörte Stielow und Jörg Heyna einigten sich darauf, zumindest das letzte Junge zu retten. Sie fanden es neben seinen beiden verendeten Geschwistern, durch Unterernährung und Vitaminmangel gezeichnet. Das Jungtier wurde zum Aufpäppeln in die Auffangstation nach Süderstapel gebracht, später folgt die Verlegung nach Bergenhusen. Stielow und Heyna sind sich sicher, dass der junge Vogel im Herbst mit den anderen in Richtung Süden fliegen kann.

Als der Problem-Storch mit seiner Partnerin zum leeren Nest zurückkehrte, wurde er wieder aggressiv. „Inzwischen aber hat er sich wieder beruhigt“, berichtet Dörte Stielow.

Jörg Heyna ist immer noch erstaunt über das merkwürdige Verhalten des Storchs: „Ich habe ja schon viel erlebt, so etwas aber war noch nicht dabei.“ Aber der Storchenexperte gibt die Hoffnung nicht auf. „Wenn er im nächsten Jahr zurückkehrt, verhält er sich vielleicht ganz normal.“ Oder auch nicht.

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erstellt am 21.Jun.2016 | 07:21 Uhr

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