Piet Klocke in der „Heimat“ : Der Professor und die Chaos-Theorie

Piet Klocke und Partnerin „Fräulein Angelika Kleinknecht“ alias Simone Sonnenschein verstehen sich blind.
Piet Klocke und Partnerin „Fräulein Angelika Kleinknecht“ alias Simone Sonnenschein verstehen sich blind.

Das Publikum zeigte sich restlos begeistert vom Auftritt des „zerstreuten Professors“.

Avatar_shz von
17. März 2014, 09:56 Uhr

„Wenn mal wieder was ist, warum nicht!“ Das Wort zum Sonntag hätte wohl kein Geringerer als er an seine Gemeinde richten können: Piet Klocke. Immer noch eine „Irrlichtgestalt“ der deutschen Comedy-Szene präsentierte der Altmeister sein (nicht ganz so) neues Programm am Wochenende in der „Heimat“. Die Veranstaltung in Schleswigs „Kulturtempel“ war schon seit Wochen restlos ausverkauft. Mehr Publikum ging nicht. Sehr zur Freude von „Heimat-Patron“ Mario Hoff und seinem Team. Dem risikofreudigen Eventmanager war es erneut gelungen, eindrucksvoll zu demonstrieren, was in der Kulturregion Schlei alles machbar ist.

Rein fiktiv verwandelte sich die „Heimat“ an diesem denkwürdigen Abend in den Hörsaal des „Institutes Wünschelrute“. In Vertretung von dessen Leiter (Prof. Schmidt-Hindemith) übernimmt nichtsahnend Piet Klocke das „organisierte Chaos“. Und verbreitet eine Chaostheorie nach der anderen. Schonungslos eröffnet er den verblüfften Zuhörern seine (bisher) außergewöhnliche Vita: „Mein Leben – eine Zumutung. Aber muß ja.“ Von einem wirklichen Lebenslauf will er gar nicht erst sprechen. Bei dem Tempo. Und ein Klocke mit Bildung geht auch nicht. „Abi und Latinum, das führt doch zu nichts.“

Aber irgendwie hat es der selbsternannte „Bruchpilot der deutschen Sprache“ immer wieder geschafft, trotz freien Falles noch sanft zu landen. Zum Beispiel als Kursleiter an diversen Volkshochschulen (das geht auch ohne fachliche Qualifizierung). Keine Frage: das Leben eines Künstlers auf der Überholspur ist schon ermüdend. Da reicht auch ein Sekundenschlaf nicht mehr aus. Und dass ihm sein Arzt eine multiple Persönlichkeit attestiert, kann den schlacksigen Comedian nun überhaupt nicht erschüttern. Bei den Abrechnungskosten.

Die Musik und ihre Wirkung auf die menschliche Psyche: tiefgründig hat Piet Klocke sie erforscht. Und bringt dem Publikum sogleich praktische Anleitungen zu Gehör. Hip-Hop trifft auf „Sen“-Meditation. Und der PC-Musiker Klocke auf eine kongeniale Partnerin. Fräulein Angelika Kleinknecht alias Simone Sonnenschein versteht auf ihrem Saxophon mehr von „Tuten und Blasen“, als dem Impressario recht ist. Die ausgebildete Jazzinstrumentalistin lässt statt vieler Worte Töne sprechen. In der Bühnenkommunikation mit ihrem „vermeintlichen Erziehungsberechtigten“ fungiert die fiktive Nichte von Prof. Schmidt-Hindemith da eher als pubertäre Flüstertüte. Ihr megageniales Wissen über legendäre Jazzgrößen, die schon zu Lebzeiten verstorben sind (wie Heinrich Schliemann) sorgt sogar bei Herrn Klocke für exzessive Sprachlosigkeit.Während der sich eine Pausendusche gönnt, nutzt das Fräulein schamlos die Gelegenheit, in Kleider und Rolle ihres Mentors zu schlüpfen.

Ist es ethisch vertretbar, Klocke zu klonen? Das Opfer selbst hielt es für äußerst fragwürdig. Wie auch alles die Evolution betreffend. Kein Thema der Weltgeschichte treibt Piet Klocke derartig die Zornesröte in die Haare wie das völlig sinnlose Dasein von Amöben, Quallen, Tauben und ganz besonders von Hummeln, die davon überzeugt sind, fliegen zu können. Ohne Zwischengas und ohne jegliche Zielorientierung. Die Evolution, sie habe völlig versagt. „Da wurde einfach alles durchgewunken!“ Auch das moderne Rollenverständnis von Mann und Frau gehöre laut Klocke immer wieder auf den Prüfstand. Und Adam und Eva seien schließlich schuld an der Bevölkerungsexplosion auf diesem Planeten.

Die Schlussakkorde ihres „Heimat-Auftrittes“ widmete das Duo Klocke/Kleinknecht dann wieder der Musik. Mit einem Country-Welthit, den niemand ernsthaft kennen muß. Reger Applaus im Publikum brachte die beiden Akteure noch einmal zurück auf die Bühne für eine Ehrenrunde in Sachen „Aufklärungsunterricht für Halbpelikane“. Pädagogisch fragwürdig, aber anschaulich. Dem gnadenlos begnadeten Piet Klocke blieb da nur noch das Wort zur guten Nacht. „Es gibt Menschen, die schlafen – und sagen es nicht.“

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen