Der Erste Weltkrieg : Der Nachrichtenhunger am "grausigen Abgrund"

Am 8. August 1914: Das Regiment von Manstein marschiert zum Bahnhof. Foto: Stadtmuseum
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Am 8. August 1914: Das Regiment von Manstein marschiert zum Bahnhof. Foto: Stadtmuseum

Der Beginn des Ersten Weltkrieges im August 1914: Extrablätter sorgen für Drängeleien vor dem Redaktionsgebäude im Stadtweg. Die Polizei musste für Ordnung sorgen.

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13. Januar 2012, 08:51 Uhr

Schleswig | Es lag etwas in der Luft in diesen letzten, unheilschwangeren Juli-Tagen des Jahres 1914. Gerüchte, die nichts Gutes verhießen, machten ihre Runde und elektrisierten auch die Schleswiger Bürger. Sie alle trieb die schicksalshafte Frage um: Wird es Krieg geben? Einzige Informationsquelle vor Ort waren die Schleswiger Nachrichten (SN), die unablässig die Depeschen aus Berlin und aus den anderen Metropolen der Konfliktparteien veröffentlichten und zusätzliche Sonder-Ausgaben verteilen ließen. Telegramme, die bei den SN einliefen, wurden zusammen mit den neuesten Meldungen ausgehängt, zunächst am Verlagsgebäude, später auch an anderen Plätzen.
"Auf dem Weg zum Frieden?" lautete die Schlagzeile eines Extrablattes, das von der SN-Redaktion am Abend des 27. Juli 1914 herausgebracht worden war. Im Mittelpunkt der Darstellung stand die Sichtweise Berlins. Aber auch in Meldungen aus Wien und Rom wurde die politische Krise thematisiert, die ausgelöst worden war durch das Attentat von Sarajevo auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie. "Infolge der bedrohlichen Gestaltung der europäischen Lage ist auch die Einwohnerschaft unserer sonst so ruhigen Stadt in helle Aufregung versetzt worden", hieß es in einer Meldung der regulären SN-Ausgabe dieses Tages.
"Helle Aufregung" der Einwohnerschaft
Vor dem Geschäftsgebäude im Stadtweg "staute sich das Publikum, oft in drangvoller Fülle, um die dort aushängenden Telegramme, die einander schnell folgten, zu lesen". Die Redaktion zeigte Verständnis für diese Unruhe und Unsicherheit, denn "man hat urplötzlich erkannt, welch grausiger Abgrund sich aufgetan hat, und daß aus der unbegreiflichen Einmischung Rußlands in eine durchaus innere Angelegenheit Oesterreich-Ungarns und Serbiens ein Brand entstehen kann, so riesenhaft und furchtbar, wie ihn die Welt noch nicht gesehen haben würde". Wohl habe man Bedenken gegen einen Krieg, stellten die Schleswiger Nachrichten fest, aber "es zeigt sich keine blasse Furcht". Und: "Ginge es los, was der Himmel verhüten möge, so wird das deutsche Volk, so wird auch jeder Schleswiger freudig dabei sein." Die Jugend - so sei der Zeitung zugetragen - sei "kaum mehr zu halten".
Als "besten Gradmesser für den Ernst der Lage" bezeichnete die Lokalzeitung den "Stadtweg vor dem Geschäftshause der Schleswiger Nachrichten; dort sammelt sich abends in Erwartung der Extrablätter das Publikum an, desto mehr, je ungünstiger am Tage die Meldungen gelautet haben". Der Andrang war manchmal so stark, dass die Polizei sich genötigt sah, für die Aufrechterhaltung der Ordnung zu sorgen. Denn als die neuesten Blätter zur Verteilung gelangten, "gab es ein gefährliches Drängen und Schieben, jeder wollte der erste sein, der eins bekam, und keiner wollte übergangen werden". Doch alle Interessenten seien bedient worden.
Die SN nutzten die "aufs äußerste gespannte Weltlage", um auf die Bedeutung der Zeitungslektüre besonders in dieser Situation hinzuweisen: "Niemand weiß, was die nächste Stunde an weiteren Ueberraschungen bringen wird. Da ist es nötig, eine Zeitung zur Hand zu haben, die sich unermüdlich zur Aufgabe macht, ohne Sensationsmacherei ihren Lesern stets das Neueste auf das Zuverlässigste und Schnellste zu übermitteln."
"Würdiger Ernst" in den Straßen
Die Tragödie nahm ihren Lauf: Erst Mobilmachung und dann Krieg. "Das Leben in den Straßen zeichnete sich durch einen würdigen Ernst aus", beschrieben die SN die Stimmung am Tag der Mobilmachung (1. August 1914). Und: "Unser Volk wünscht den Krieg nicht, ebenso wenig wie unser Kaiser und unsere führenden Staatsmänner ihn wünschen. Wird er uns aufgezwungen, so erweckt er Mut und Kraft und den heiligen Willen, Leben und Gut für die Ehre des Vaterlandes einzusetzen."
Anlässlich der Mobilmachung läuteten in Schleswig von 7 bis 8 Uhr die Glocken. Die öffentlichen Gebäude - darunter die Regierung, der Bahnhof, die Post, die Reichsbank und das Rathaus - wurden "militärisch besetzt". Der Garnisonsälteste ließ alle Gastwirtschaften abends um 10 Uhr schließen. Dazu merkte die Zeitung an: "Einige Wirte mußten durch die Patrouillen hierauf erst aufmerksam gemacht werden und waren auch dann noch recht ungläubig." Lebensmittel begannen wegen der Hamsterkäufe bereits knapp zu werden. Doch die Zeitungsmacher beruhigten die Bürger: "Es handelt sich hier nur um einen vorübergehenden Zustand, der hoffentlich nur ganz kurze Zeit andauern wird." Die städtischen Kollegien beschäftigten sich mit diesem Problem und beschlossen, "die Versorgung der Stadt mit den wichtigsten Lebensmitteln selbst in die Hand zu nehmen".
"Ein an Ehren und Siegen reicher Krieg"
In der Nacht zum 3. August rückte das Husarenregiment aus, nachdem sich zuvor der Militärpfarrer an die Soldaten gewandt und zuversichtlich "die Erwartung eines frohen Wiedersehens nach einem schweren, aber an Ehren und Siegen reichen Krieg" ausgesprochen hatte. Am Morgen des 8. August verließ auch das Regiment von Manstein "in bester Stimmung" die Stadt, um ins Feld zu ziehen. "Manche Eltern und andere Angehörige und Freunde waren gekommen, um noch einmal von ihren Lieben Abschied zu nehmen und ihnen ein Auf Wiedersehen! zuzurufen", berichteten die SN weiter.
Doch es dauerte nicht lange, bis in der Zeitung die ersten Verlustmeldungen veröffentlicht wurden. Sie wurden von Mal zu Mal länger. Anfang September erschienen dann auch die ersten privaten Traueranzeigen. Die betrauerten Soldaten fielen "als Helden", "auf dem Felde der Ehre", starben den "Tod für Kaiser und Vaterland" und den "Heldentod". Bald füllten sie große Teile in der Rubrik der Familienanzeigen und machten damit überdeutlich: Krieg ist mit Tod und Elend verbunden. Diese Einsicht konnte auch gelegentliche Erfolgsmeldungen von der Front nicht überdecken. Am bitteren Ende 1918 waren es etwa 270 Schleswiger, deren Tod auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges zu beklagen war.
Ein "Heldentod" für 270 Schleswiger
Zu Ehren der Gefallenen aus Schleswig wurde 1920 auf dem Domfriedhof ein Denkmal geschaffen. Die Initiative dazu war von betroffenen Familien ausgegangen. Als Material wurde zum großen Teil Granit verwendet. Die gusseisernen Tafeln mit den Namen der toten Soldaten wurden von der Carlshütte in Rendsburg gefertigt. Nach dem Zweiten Weltkrieg fanden Teile davon bei der Errichtung eines Denkmals für die Gefallenen beider Weltkriege an anderer Stelle Verwendung.
Unverändert dagegen erinnert seit 1926 an der Ecke Flensburger Straße/Neuwerkstraße ein Monument aus grauem Granit an die im Krieg 1914/18 gefallenen Soldaten des Infanterie-Regiments von Manstein. Auf der einen schmalen Seite des Denkmals ist in eingemeißelten Buchstaben das trotzige Schlagwort "LiewerdüdasSlaw" zu lesen.

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