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Krankenhaus in Schleswig : Der Helios-Klinik laufen die Ärzte davon

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

In den letzten zwei Monaten verließen zwölf Mediziner das Krankenhaus. Über ihre Gründe wird spekuliert. Kritik gibt es vor allem an der Geschäftspolitik.

von
erstellt am 02.Apr.2016 | 18:13 Uhr

Schleswig | Nur noch dreieinhalb Monate bis zum Umzug ins neue Krankenhaus – und gerade jetzt kehren auffallend viele Mediziner dem Schleswiger Helios-Klinikum den Rücken. Darunter sind sogar langjährig tätige Chefärzte wie Andreas Gremmelt und Frank Liedke. So wurde bekannt, dass seit Anfang März allein zwölf Ärzte ihren Weggang ankündigten.

Kritiker bemängeln, dass große Krankenhausbetreiber ihre Kliniken zu wirtschaftlich ausrichten. Das geht oft zu Lasten von Personal und Patienten.

Öffentlich nicht bekannt sind die Gründe für den Abgang der Ärzte – etwa, ob sie freiwillig das Helios-Klinikum verlassen, ob sie dazu von der Geschäftsführung gedrängt wurden oder ob sie die Arbeitsvorgaben nicht länger hinnehmen wollen. Und zwar Vorgaben für die Behandlung von Patienten, die von der Konzernspitze zunehmend nach den Regeln der Marktwirtschaft bestimmt werden, wie einige Mitarbeiter kritisieren.

Dazu liegt ein anonymes Schreiben vor, das offensichtlich aus der Ärzteschaft des Krankenhauses stammt. Darin heißt es: „Die Zustände im Krankenhaus sind haltlos, die Ausbeutung von Patienten und Personal darf nicht so weitergehen.“ Die Verzweiflung unter vielen Mitarbeitern spitze sich zu, trotz der Hoffnung auf eine Besserung durch den Einzug in den Neubau. „Wir wollen gute und sinnvolle Medizin machen nach freiem medizinisch-ethischem Wissen und Gewissen, damit wir das Vertrauen der Bürger hier zurückgewinnen können“, heißt es weiter.

Tatsächlich ist ein Vertrauensverlust in der Bevölkerung gegenüber dem Krankenhaus längst spürbar. Dafür machen die Verfasser dieses Briefes – und auch namentlich bekannte Mediziner – den Geschäftsführer des Helios-Klinikums Schleswig, John Friedrich Näthke, selbst verantwortlich. Seine Geschäftspolitik wirke sich für die Klinik fatal aus und sei allein gelenkt von den Rendite-Interessen der Konzernspitze, monieren Insider. Was sagt Näthke dazu?

Zunächst bestreitet er nicht, dass zwölf Mediziner die Klinik verlassen. Doch die Gründe für den Weggang bezeichnet er als vielfältig, da einige nach seiner Aussage in Elternzeit gingen oder andere den Wohnsitz wechselten. Jedoch „vertreten manche eine andere Auffassung zu den notwendigen Veränderungen, die wir in unserem Hause angestoßen haben“. Entscheidend für ihn sei, sagt Näthke, dass „es uns gelungen ist, diese Stellen mit kompetenten Fachkräften nachzubesetzen – und wir derzeit mehr ärztliche Mitarbeiter haben als noch vor zwei Monaten.“

Und zum Thema Arbeitsverdichtung im Gesundheitswesen: Das sei eben eine Tatsache, meint er, nicht nur im Schleswiger Krankenhaus. Doch es gelinge, „durch entsprechende organisatorische und prozessuale Anpassungen die Behandlungsqualität hoch und die Belastung für unsere Mitarbeiter in einem gesunden Rahmen zu halten“, erklärt er. Die Klinik-Mitarbeiter würden aber dabei unterstützt, all dem gerecht zu werden – „durch unser sogenanntes Betriebliches Gesundheitsmanagement“.

Medizin und Ökonomie sind für den Helios-Geschäftsführer keineswegs unvereinbar. Näthke: „Ich kann einen Widerspruch zwischen ärztlichen und wirtschaftlichen Erwägungen im Kern nicht erkennen – nur wenn ökonomischer Erfolg und hohe medizinische Qualität in gleicher Weise erreicht werden, kann investiert werden.“ Renditen seien unverzichtbar.

Auf die Frage, ob es stimme, dass das Arbeitsgericht ihn als Helios-Geschäftsführer zu Strafgeldern verurteilt habe wegen seiner unzumutbaren Dienstpläne, antwortete Näthke: „Richtig ist, dass der Klinik Strafgeld auferlegt wurde. Dies geschah, da es uns trotz intensiver Anstrengungen nicht gelungen war, den vereinbarten Dienstplan umzusetzen – vor allem wegen eines erhöhten Krankenstands in der betroffenen Abteilung.“

Auf unsere weitere Frage, ob mittlerweile sogar Leih-Ärzte für die Anästhesie angefordert werden müssten, insbesondere für die Intensivstation, führt Näthke ins Feld: „Die Beschäftigung von Vertretungsärzten ist nicht außergewöhnlich. Immer wenn ein zeitweiliger Engpass zu überbrücken ist, nutzen wir diese Möglichkeit.“

Mit Sorge blicken Schleswigs Politiker auf die Entwicklungen im Helios-Klinikum. So hatte CDU-Fraktionschef Holger Ley bereits vor Monaten den Geschäftsführer auf den Personalmangel in seinem Hause hingewiesen. Auch SPD-Vorsitzender Stephan Dose erwarte, wie er sagte, dass „Helios mit dem Personal vernünftig umgeht“.

Die SPD-Landtagsabgeordnete Birte Pauls fordert von der Helios-Geschäftsführung eine „ernst gemeinte Wertschätzung der Mitarbeiter“. Mit den 50 Millionen Euro vom Land für den Neubau verbinde sich „ein öffentlicher Anspruch auf gute Arbeitsbedingungen“, betont sie. Das sieht auch das Kieler Sozialministerium so. Staatssekretärin Annette Langner erklärte, Helios sei in der Pflicht, „für eine hinreichende personelle Ausstattung zu sorgen, um den Versorgungsauftrag zu erfüllen“.

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