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Louisenlund : Der Graf und sein Zaubertrank: Karl Mays Ausflug an die Schlei

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Karl May war nie in Louisenlund – seine Erzählung „Das Zauberwasser“ ließ er dennoch an der Schlei spielen.

von
erstellt am 18.Aug.2015 | 07:54 Uhr

Die Spur führt an die Schlei. Im herzoglichen Schloss, dem Haupt-Standort des renommierten Internats und Gymnasiums der „Stiftung Louisenlund“, hinterließ der Schriftsteller Karl May seine literarische Visitenkarte. Den gebürtigen Sachsen, geistiger Vater von Winnetou, Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi, zeichnet eine schier grenzenlose Fantasie und Schaffenskraft aus. In einer Episode der Erzählung „Das Zauberwasser“ ist er gedanklich sogar bis in den Gobelinsaal des ehemaligen Herrensitzes vorgedrungen – aber in Wirklichkeit hat er dieses stolze Anwesen nie betreten.

Dr. Alf Hermann, im Hauptberuf Lehrer in Louisenlund und außerdem Hochschullehrer im „Internationalen Bund“, erläuterte jetzt im Rahmen einer Sankelmarker Tagung zum Thema „Wer war Karl May?“ die literaturgeschichtlichen Hintergründe zu diesem Schlei-Bezug – und dies direkt am Ort einer dramatischen Handlung. Karl May (1842-1912) stellt in seiner Erzählung zwei historische Persönlichkeiten in den Mittelpunkt: den Landgrafen Carl von Hessen (1744-1836), Hausherr von Louisenlund, und dessen durchtriebenen Wegbegleiter, den Grafen von Saint-Germain (1710 – 1784), der vermutlich aus Rumänien stammte.

Alten Überlieferungen zufolge hatte Saint-Germain positive, aber auch extrem negative Seiten: Er war Komponist, Abenteurer und kluger Berater von Königen, zugleich aber auch Hochstapler und Betrüger, der mit 20 Decknamen von Hof zu Hof durch halb Europa tingelte und gerne falsche Diamanten verkaufte. Im Labor des 1776 fertiggestellten Schlosses an der Schlei versuchte Saint-Germain, künstliches Gold herzustellen. Dabei entdeckte er ein goldähnliches Metall, das später als „Carlsgold“ in der „Carlshütte“ (Rendsburg) produziert wurde. Doch nach Karl Mays Version erfindet der umtriebige Graf mit Hilfe eines Chemikers in Louisenlund ein von den Menschen heiß ersehntes Elixier namens Aqua benedetta, von dem angeblich nur ein Tropfen genügt, um unsterblich zu werden. Hermann kommentierte: „Das war nur ein Abführmittel.“

Carl von Hessen ruft eine Reihe adeliger Experten zusammen, die einem besonderen Schauspiel beiwohnen sollen: Ob der Zaubertrank wirkt, muss in einem Experiment entschieden werden. Saint-Germain trinkt einen Tropfen „Benedetta“ und lässt eine Pistole auf sich abfeuern, um nicht als Betrüger entlarvt zu werden. Karl May schreibt: „Ein Blutstrom quoll ihm aus Nase und Mund. Er bäumte sich empor und sank dann zurück; der Tod hatte seine kalten Arme um ihn gelegt, um ihm zu beweisen, dass seiner nicht zu spotten ist.“

Der Sankelmarker Tagungsleiter Hans Baron gehört zu denjenigen Karl-May-Experten, die eine Art Seelenverwandtschaft des Schriftstellers zu Saint-Germain sehen und spricht sogar vom „Alter Ego“ – dem „anderen Ich“. Karl May selbst hatte dunkle Seiten, kam in jungen Jahren mit dem Gesetz in Konflikt. Deshalb gingen auch die Tagungsteilnehmer der Frage nach, wie das schriftstellerische Genie einzustufen sei – als Prediger oder als Scharlatan.

Fest steht, dass Karl May nicht nur voller großartiger Ideen steckte, sondern auch mit großer Akribie aus historischen Zeugnissen den Honig für seine literarische Werke sog. So ist es kein Wunder, dass er selbst den noch immer existierenden Kronleuchter mit seinen Kerzen im Louisenlunder Gobelinsaal detailgetreu beschrieb, obwohl er ihn niemals gesehen hat. Anzumerken bleibt, dass es manchmal im Schloss Punkt Mitternacht spuken soll, weil der Geist des Grafen Saint-Germain keine Ruhe findet.


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