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H5N8 in Schleswig-Holstein : Der Gänse-Rebell von Husby: „Mit Vogelgrippe wird Panik geschürt“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Geflügelzüchter Jürgen Klingenhoff ignoriert die Stallpflicht – und lässt seine Gänse in Markerup unter freiem Himmel grasen.

von
erstellt am 07.Dez.2016 | 19:42 Uhr

Beobachtungsgebiet wegen Vogelgrippe? Stallpflicht? „Der Einzige, der in Quarantäne gehört, ist unser Landwirtschaftsminister.“ Jürgen Klingenhoff leitet im Husbyer Ortsteil Markerup seit fast 30 Jahren einen der größten Geflügelhöfe im Lande. 12.000 Gänse werden dort herangezogen und schließlich geschlachtet, 6000 weitere nach den Vorstellungen von Jürgen Klingenhoff zur Schlachtreife gebracht und ebenfalls als Markeruper verkauft. Hinzu kommen Enten und Hähnchen. Das Markeruper Geflügel genießt bundesweit einen guten Ruf, der Absatz über Kunden wie Famila, Edeka und Citti ist gesichert.

Seit Anfang November wird bei Wild- und Masttieren immer wieder der Vogelgrippe-Erreger H5N8 nachgewiesen. Damit sich das Virus nicht weiter ausbreitet, gilt in betroffenen Gebieten eigentlich die Stallpflicht.

Eigentlich könnte Jürgen Klingenhoff das Thema Geflügelpest gelassen nehmen. Tut er aber nicht. Im Gegenteil: „Ich habe keine Angst vor der Vogelgrippe, allenfalls vor den Behörden“, sagt der Landwirt, der die Stallpflicht für maßlos übertrieben hält. „In die Naturschutzgebiete an der Westküste kommen jährlich Zigtausende von Enten und Gänsen. Auch hier in der Nähe am Winderatter See sind sie vorhanden. Da muss man doch mal eine Risikoeinschätzung vornehmen. Wir haben im Kreis sechs Fälle von toten Wildvögeln gehabt, und einen Virusbefall in einem einzigen Betrieb. So schlimm das im Einzelfall ist – es handelt sich um einen verschwindend geringen Prozentsatz. Deshalb muss man doch nicht eine solche Hysterie auslösen.“ Die Vorwürfe von Jürgen Klingenhoff richten sich in erster Linie an das Landwirtschaftsministerium, dem er bestenfalls Ahnungslosigkeit vorwirft. „Ich habe das Gefühl, dass sich dort jemand als Krisenmanager profilieren und die konventionelle Landwirtschaft platt machen will.“

 Jürgen Klingenhoff aus Husby spricht von Panikmache: „Der Einzige, der  in  Quarantäne gehört, ist unser Landwirtschaftsminister.“
Jürgen Klingenhoff aus Husby spricht von Panikmache: „Der Einzige, der in Quarantäne gehört, ist unser Landwirtschaftsminister.“ Foto: Gero Trittmaack
 

Normalerweise würde auch für den Geflügelhof in Husby/Markerup die landesweite Stallpflicht gelten. Doch wie auch vor der Grippe werden die Küken in Markerup nur knapp drei Wochen in einem 30 Grad warmen Stall aufgepäppelt und verbringen später 22 Wochen auf den saftigen Wiesen nahe dem Hof. Für jedes Tier stehen zwölf Quadratmeter Fläche zur Verfügung. „Das ist mehr, als so manches Kinderzimmer zu bieten hat“, sagt Klingenhoff. Er lässt seine Gänse nach wie vor unter freiem Himmel grasen. „Das geht nicht anders. Was soll ich tun, ich habe keine Ställe für die Gänse“, sagt der Landwirt. Das Ministerium hatte eigentlich schon zu Beginn der Stallpflicht eine einfache Lösung parat: Dann müssten die Tiere notfalls eben getötet werden, um eine Ansteckung und die weitere Verbreitung des Virus zu verhindern. Diese Auskunft aus Kiel bringt Klingenhoff auf die Palme. „Was denken die sich? Wer bezahlt mir den Verlust? Das kann man doch nicht machen!“

Der Landwirt hält nicht viel von den Entscheidungen aus Kiel, pflegt aber mit dem zuständigen Veterinäramt in Schleswig einen vernünftige Zusammenarbeit, wie er selbst sagt. Er hat zwar keine Ausnahmegenehmigung, aber es werde angesichts des fehlenden Ställe geduldet, dass die Gänse noch draußen sind. „Sie werden jetzt allerdings schneller als geplant geschlachtet“, erklärt Klingenhoff. Zudem habe er einen Mitarbeiter speziell zur Bewachung der Tiere abgestellt. Diese „lebende Vogelscheuche“ soll verhindern, dass sich Zugvögel niederlassen und dass Seeadler auf der Fläche auf Beutefang gehen.

Zudem werden die Gänse ständig beobachtet und tierärztlich untersucht. Der Landwirt ist überzeugt davon, dass seine Gänse gesund sind – aber ihm ist klar, dass er sie auf eigene Gefahr draußen lässt – und der gesamte Bestand getötet werden muss, wenn sich ein Tier infiziert. Deshalb plant er auch, so schnell wie möglich eine Überdachung zu errichten. „Der Bauantrag wird demnächst gestellt, ich bin jetzt gespannt, wie lange die Bearbeitung dauert“, sagt der Geflügelbauer mit einer guten Portion Skepsis in der Stimme.

Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen weiß Klingenhoff, dass die Verbraucher verunsichert sind. „Erst vor Kurzem habe ich von einem Kollegen 160 seiner 300 Gänse abgenommen, weil er sie nicht verkaufen konnte“, berichtet er. Aber Klingenhoff beruhigt: „Die Kunden können durchaus Geflügel kaufen. Es besteht überhaupt keine Gefahr.“

Bei ihm zu Hause kommen zu Weihnachten Scampi auf den Tisch, weil seine Lebensgefährtin es sich wünscht. Und wohl auch eine schöne Ente. Und warum keine Gans? „Die kann ich mir nicht leisten“, sagt der Landwirt mit einem Lächeln. „Die muss ich alle verkaufen.“

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