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Amtsgericht Schleswig : Der Dreißigjährige Streit

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Fehde unter Nachbarn in der Husumer Straße landete vor dem Amtsgericht: Es ging um Beschädigungen durch Pflanzengift.

von
erstellt am 18.Feb.2015 | 11:42 Uhr

Es geht um versprühtes Pflanzengift, um einen ehemals fruchtbaren Rhabarber-Busch, von dem man nicht weiß, ob er wieder zu sich kommt, um gelb gewordene Rasenflächen sowie um nicht nett gemeinte Sprüche auf Pappschildern. Das sind die Zutaten für einen Nachbarschaftsstreit, der seit fast 30 Jahren in der Husumer Straße lodert und nach einigen vergeblichen Schlichtungsversuchen nun gestern vor dem Schleswiger Amtsgericht landete.

Wenn unter Nachbarn erst das Kriegsbeil ausgegraben ist, erfordert das offenbar von allen Beteiligten starke Nerven und viel Durchhaltekraft – insbesondere, wenn eine Fehde fast so lange dauert wie der Dreißigjährige Krieg. Und die Frontlinie verläuft meist quer durch den eigenen Garten, wo man den „bösen Nachbarn“ – ob gewollt oder ungewollt – immer wieder vor Augen hat.

Während der Gerichtsverhandlung gab es häufig Beschimpfungen unter den zwei älteren Ehepaaren. Die Richterin musste sogar einige Male zur Mäßigung aufrufen („wir wollen uns doch hier vor Gericht zivilisiert verhalten“), nachdem die Ehefrau des Beschuldigten zur anderen Seite rüberzischte: „So was Verlogenes, da wuchs doch vorher gar nichts“. Von Seiten der Anklägerin kam es gleich zurück: „Wohl, dort stehen meine Ziersträucher.“ Die Gefühle kochten oft hoch, insbesondere bei dem beschuldigten Ehepaar.

Dem Angeklagten wird von seinen Nachbarn vorgeworfen, er habe beim Spritzen von Pestiziden nicht genug aufgepasst, so dass auch deren Teile vom Rasen „braungelb“ geworden seien und möglicherweise auch besagter Rhabarberbusch betroffen sein könne. Für die Richterin galt es nun, aktentaugliche Anhaltspunkte herauszufinden. Dabei wurden die Grundstückslinien zwischen den beiden Parteien anhand von Fotoaufnahmen begutachtet.

Der Verhandlungsverlauf nahm dann doch teilweise skurrile Züge an, weil sich der Streit zwischen den Ehepaaren auf der Grundlage auch von kleinen Anlässen immer wieder neu entzündete. Etwa, als die Richterin die Frage klären wollte, welchen Schaden den Anklägern entstanden sei. Da ging es darum, wie viel Marmelade und wie viel Saft diese vor dem Spritz-Datum im Sommer 2013 aus ihrem Rhabarber habe gewinnen können. „Ich habe vorher immer 20 Gläser Marmelade und fünf Flaschen Rhabarbersaft davon einkochen können, aber ich koche auch gern Mirabellen ein“, führte die Anklägerin detailliert aus. „Die Mirabellen tun hier nichts zur Sache“, hieß es dazu vom Gericht.

„Aber es geht doch hier gar nicht um den Rhabarber“, warf Rechtsanwalt Jörg Rüping, der die Beschuldigten vertritt, ein. Es sei doch gar nicht erwiesen, dass dieser von den Pestiziden seines Mandanten befallen sei. Als erwiesen hingegen zeigte es sich anhand von Beweisfotos, dass der Rasen braungelbe Stellen aufgewiesen hatte. Die Ankläger fragten zudem, warum ihr Nachbar denn überhaupt spritzen müsse: „Kann er denn nicht auch wie wir die Hacke in die Hand nehmen?“ Zudem habe man beobachtet, dass der Nachbar sogar einen Bunsenbrenner zur Hand nehme, um Unkraut zu vernichten, „obwohl das Getier mit getötet wird“. Die Sache mit dem Bunsenbrenner war jedoch nicht Gegenstand der Verhandlung.

Rechtsanwalt Nico Zarnekow als Vertreter der Anklägerseite hatte im Vorwege eine gütliche Einigung unter den verfeindeten Nachbarn zu erreichen versucht. Vergeblich. Zur Verhandlung war jetzt von seiner Seite ein Zeuge geladen: der Gärtnermeister Ralf Schmidt aus Hüsby. Der war seinerzeit nach dem Spritzen von den Anklägern gebeten worden, einen Kostenvoranschlag für den entstandenen Schaden in ihrem Garten aufzulisten. Dabei wurden 360 Euro für Bodenaustausch und für das Ansäen mit Rasensaat aufgeführt.

Ob denn überhaupt ein Bodenaustausch notwendig sei, wenn mit einem im Baumarkt erhältlichen Pflanzengift gespritzt werde oder ob sich der Boden wieder erhole und das Gras nachwachse, wollte die Richterin daraufhin wissen. „Die Pflanzen, die abgestorben sind, bleiben tot. Den Boden kann man nach vier Wochen umgraben und neu ansäen. Wenn es aber der Kundenwunsch ist, dann tausche ich den Boden natürlich auch aus“, meinte der Gärtnermeister. Die Angeklagten weigerten sich, den Betrag über 360 Euro als Schadensersatz zu akzeptieren. Die Richterin kündigte an, sie werde in Abwägung der Sachlage eine Schadenshöhe festsetzen und das Ergebnis den beiden Parteien schriftlich zukommen lassen.

Die Schilder mit den Sprüchen, die den Nachbarn treffen sollen, hatten in der Verhandlung keine Rolle gespielt. Diese Sache schwelt weiterhin zwischen den Parteien. Denn noch hat der Angeklagte sein gut sichtbares Schild an der gemeinsamen Carport-Anlage nicht entfernt. Darauf steht „Gott sieht alles, unser Nachbar sieht mehr“.

Stoff genug also für weitere Streitereien unter den Nachbarn.

 

 

 

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