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Vergewaltigung in Kropp : Der Angeklagte ist schuldfähig

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Gutachter finden DNA und beurteilen Alkoholkonsum: „So bewegt sich niemand, der schwer betrunken ist.“

Der zweite Verhandlungstag brachte ein wenig Licht in das Dunkel um die Geschehnisse am Rande der Kropper Mondscheinnacht in den frühen Morgenstunden des 4. September. Vor der II. Großen Strafkammer des Flensburger Landgerichts muss sich ein 26-jähriger Iraker wegen des Verdachts der Vergewaltigung verantworten. Dabei standen gestern vor allem zwei Fragen im Vordergrund. Hat der junge Mann, der seit September vergangenen Jahres in Untersuchungshaft sitzt und in der Verhandlung konsequent die Aussage verweigert, eine 30-jährige Altenpflegerin vergewaltigt, wie es ihm die Staatsanwaltschaft vorwirft? Und wenn ja – wie ist es um seine Schuldfähigkeit bestellt?

Erste Anhaltspunkte zur ersten Frage gab der Gutachter Dr. Cornelius Courts, der Leiter der Abteilung für Forensische Genetik am Institut für Rechtsmedizin des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein. Sperma-Spuren seien am Opfer nicht gefunden worden, erklärte der Wissenschaftler, wohl aber sogenannte autosomale Merkmale, die komplett mit denen des Angeklagten zusammenpassen. Durch diese Merkmale, die aus der Vererbungslehre stammen, ist der Angeklagte nicht zu 100 Prozent als Ausgangspunkt der gefundenen, männlichen Y-Chromosonen-DNA identifiziert. Sein Vater, vor allem aber sein Bruder, verfügen über dieselben Merkmale, wie der Gutachter deutlich machte. Der 20-jährige Bruder lebt in derselben Einrichtung in Kropp wie der Angeklagte bis zu seiner Verhaftung – und auch er hatte die Kropper Mondscheinnacht besucht. Dass er als Täter in Betracht gezogen werden könnte, ist allerdings nahezu ausgeschlossen. Er ist wesentlich größer als der Täter von Zeugen beschrieben wurde – und hat zudem noch körperliche und geistige Einschränkungen. Er war zwar als Zeuge geladen, machte aber von seinem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch.

Ein Kriminalbeamter schilderte dann noch einmal den Verlauf der Ermittlungen. Die Polizei hatte am Tag nach der Tat mit einer Täterbeschreibung die Flüchtlingsunterkunft in Kropp unter die Lupe genommen. Ein Ergebnis brachte die Aktion jedoch nicht. Im Laufe der nächsten Tage zog sich die Schlinge um den Angeklagten enger: Es gab Fotos vom Umzug im Rahmen der Mondscheinnacht, das Überwachungsvideo eines Elektrogeschäfts, in dem er gegen 2 Uhr durchs Bild läuft, und weitere Hinweise. Am 9. September, sechs Tage nach der Tat, wurde die Flüchtlingsunterkunft durchsucht. Aber der Angeklagte war nicht anwesend und so wurden zunächst nur einige seiner Kleidungsstücke beschlagnahmt.

Am nächsten Tag kam er selbst in die Polizeiwache nach Schleswig, wo er mit den Vorwürfen konfrontiert wurde. „Zunächst erzählte er recht viel. Als wir ihn dann aber mit Indizien, Widersprüchen und Fotos konfrontierten, wurde er zunehmend ruhiger und erklärte, er habe an jenem Tag so viel Alkohol getrunken, dass er sich an nichts mehr erinnern könne“, berichtete der Kripo-Beamte. Er erinnerte sich zudem daran, dass der Mann gegenüber den Beschreibungen und Fotos rund um die Tat den Bart plötzlich deutlich kürzer trug. Wenige Tage später lag das Ergebnis der DNA-Untersuchung vor – und er wurde festgenommen.

Alkohol war auch eines der beherrschenden Themen im weiteren Verlauf der Verhandlung. Als Zeugen berichteten der Cousin des Angeklagten und ein weiterer Mitbewohner übereinstimmend, dass der Angeklagte im Laufe des Abends viel Alkohol getrunken habe – zunächst Bier zum „Vorglühen“, später Cola-Whisky an einem Stand und zwischendurch noch Schnäpse. Sie schilderten, dass der Angeklagte „kaum zu halten“ sei, wenn er Alkohol getrunken habe. „Er war dann laut, hat gesungen, wild getanzt“, sagte der Zeuge, der den Angeklagten später nach Hause brachte. „Ich weiß nicht, ob er noch selbst gehen konnte. Ich habe ihn unter einem Baum sitzen sehen. Er sagte, er habe Kopfschmerzen. Da habe ich ihn nach Hause gebracht.“

Aufmerksamer Zuhörer während der gesamten Verhandlung war der medizinische Sachverständige Prof. Hans Jürgen Kaatsch. Seine Aufgabe: Aufgrund der Aussagen und Fakten einen Promillewert für den Tatzeitpunkt zu bestimmen und eine Einschätzung des Zustandes des Angeklagten und damit auch seiner Schuldfähigkeit abzugeben – eine wichtige Grundlage für die Festlegung eines möglichen Urteils. Kaatsch bezog sich auf die Aussagen von Zeugen und auch auf das Video, in dem der Angeklagte schnell, sicher und geradezu elegant gelaufen sei. „So bewegt sich niemand, der schwer betrunken ist“, sagte der Gutachter. Sein Fazit war letztlich eindeutig: „Ich habe keine Hinweise auf eine Beeinträchtigung seiner Steuerungsfähigkeit.“

Am Dienstag wird nach den Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung mit einem Urteil gerechnet.

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erstellt am 10.Feb.2017 | 06:34 Uhr

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