Schleswiger Schachgeschichte : Den Weltmeister mattgesetzt

Schach ist seit vielen Jahrzehnten die große Leidenschaft von Gerhard Drebes (78).
Schach ist seit vielen Jahrzehnten die große Leidenschaft von Gerhard Drebes (78).

Gerhard Drebes, ehemaliger Vorsitzender des Schachvereins, hat eine Chronik über die Geschichte des Strategiespiels in Schleswig geschrieben.

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06. Januar 2015, 07:37 Uhr

Was haben König Erik, Landgraf Karl von Hessen-Kassel, Justizrat Christian Friedrich Jasper, Chronist Johannes von Schröder, Bürgermeister Julius Heiberg und Regierungspräsident Anton Wallroth gemeinsam? Sie hatten eine ausgeprägte Affinität zum Schach und gingen mit Leidenschaft diesem strategisch-taktischen Denkspiel – und zwar in Schleswig. Seit dem zwölften Jahrhundert wird in der Schleistadt Schach gespielt. Das belegt eine hölzerne Schachfigur, auf die Archäologen bei Ausgrabungen in der Altstadt gestoßen waren. Ein Foto von diesem knapp acht Zentimeter großen Schachkönig schmückt eine regionalgeschichtliche Publikation, die sich auf 200 Seiten ausschließlich dem königlichen Brettspiel widmet: „Schach in Schleswig – von den Anfängen bis 1960“.

Autor dieser faktenreichen Chronik ist Gerhard Drebes, bis 2006 Vorsitzender und Spitzenspieler des Schleswiger Schachvereins von 1919. Von Hause aus promovierter Meeresbiologe, zog sich der heute 78-jährige Ruheständler vor einigen Jahren vom aktiven Schachspiel zurück, um sich ganz auf seine schachhistorischen Recherchen zu konzentrieren. Da der Verein jedoch kein eigenes Archiv besitzt, galt es, in erster Linie die Lokalzeitungen – und hier besonders die Schleswiger Nachrichten – nach Schachspuren zu durchforsten. Aber auch zahlreiche weitere Quellen wie Amtsblätter, Meldeprotokolle und Einwohnerlisten wurden von ihm zu Rate gezogen. Im Stadt- und Kreisarchiv in der Suadicanistraße war Drebes gern gesehener Dauerkunde („Mein zweites Hobby neben dem Schachspielen ist die Familienforschung.“). Tag um Tag, Woche um Woche saß er am Lesegerät, um mikroverfilmte Veröffentlichungen und Dokumente systematisch durchzusehen und auszuwerten. „Dass daraus ein Buch entsteht, hatte ich eigentlich gar nicht geplant. Aber die Mitarbeiter des Archivs meinten, dass es doch schade wäre, wenn meine Recherchen am Ende einfach in der Schublade verschwinden“, sagt Drebes. Entstanden ist am Ende also ein Buch zur Historie des Schachspiels in Schleswig, das aber auch ein Stück Stadtgeschichte erzählt.

Zwar reicht die Schachgeschichte in Schleswig bis ins Mittelalter zurück, aber erst in der Biedermeierepoche erlebte das Spiel eine wahre Blütezeit. Sie führte zu der Gründung von Clubs und Vereinigungen. Ein erster Schachverein in Schleswig wurde um 1825 aus der Taufe gehoben. Mit dem Zeitpunkt der Gründung rangierte die Schleistadt noch vor Leipzig (um 1827), Breslau (1829) und Hamburg (1830). In Schleswig fand in jener Zeit das Schachspiel hauptsächlich in Militärkreisen und unter den Juristen Anhänger.

Ein herausragendes Ereignis für den Schleswiger Schachverein war die erfolgreiche Beteiligung eines Teams an einem 1925 in Flensburg ausgerichteten Simultanspiel gegen den prominenten Ex-Weltmeister Emanuel Lasker. Der große Meister gewann 27 Partien, remisierte vier Partien und musste sich nur ein einziges Mal geschlagen geben – gegen den Korbmacher Hans Wichert aus Schleswig. „Weltmeister Lasker von einem Schleswiger besiegt“, bejubelten die Schleswiger Nachrichten damals die Schach-Sensation.

Der Totalitätsanspruch der seit 1933 regierenden Nationalsozialisten machte danach auch vor den Schachvereinen nicht halt – sie wurden wie auch der in Schleswig allesamt gleichgeschaltet, Juden und Kommunisten wurden ausgeschlossen. Während des Zweiten Weltkrieges wurde in Schleswig unter dem Dach der NS-Organisation „Kraft durch Freude“ (KdF) eine Schachgruppe gegründet. Nach dem Krieg entfaltete der Schleswiger Verein schachsportlich vor allem in der Zeit von 1948 bis 1960 besondere Aktivitäten. Vier Mal richtete er die Landesmeisterschaften aus und trat mehrfach zu Duellen mit Nachbarstädten an. Die Wettbewerbe und Turniere werden in Drebes Chronik detailliert beschrieben.

Als ein „stadt- und schachgeschichtlich beeindruckendes Werk“ würdigt Dirk Dann, seit acht Jahren Vorsitzender des Schleswiger Schachvereins, die Arbeit seines Amtsvorgängers und erwägt, die Drebes-Chronik, die 1960 endet, bis in die Gegenwart fortzusetzen. Wer an dem Buch, das in nur kleiner Auflage gedruckt wurde, interessiert ist, kann sich an Dirk Dann, Wulfsfelder Weg 18, 24242 Felde, Tel. 04340/499122, wenden.

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