zur Navigation springen

Theater-Projekt zu 1864 : Dem Krieg ein Gesicht gegeben

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Bei der „Exkursion Düppel“ kamen Zeitzeugen an historischen Schauplätzen zu Wort.

von
erstellt am 15.Apr.2014 | 07:46 Uhr

Es war im wahrsten Sinne des Wortes ein Schlachtfeld, das die Kämpfe im Deutsch-Dänischen Krieg an den Düppeler Schanzen hinterließen. Für Hermann Fischer hieß das: Amputationen im Minuten-Takt. Für die Elise von Mellenthin bedeutete es: Unzählige Wunden verbinden und trösten. Hunderte von Männern waren entsetzlich zugerichtet worden. Meist einfache Soldaten – so wie Wilhelm Gater, der nicht sterben wollte und sich wünschte, bei der Taufe von Tochter Marie dabei zu sein. Der Arzt, die Pflegerin, der Soldat und auch der Kriegsberichterstatter Fontane kamen am Sonntag zu Wort. Bei der „Exkursion Düppel“ gaben Schauspieler des Landestheaters dem Krieg ein Gesicht.

„Seit Karfreitag bis heute sind mir vier Offiziere gestorben; die Soldaten nicht mit gezählt“, schreibt Elise von Mellenthin an ihre Familie. Erstmals halfen Frauen auf dem Felde – freiwillig. Unter anderem Diakonissen aus den unterschiedlichsten Landesteilen und Ländern pflegten die Männer. Auf Schloss Gottorf waren die Krankenlager errichtet worden, auf denen nur selten jemand gesundete: Bettwäsche war ein Luxus für die 600 Verwundeten – um so mehr freute sich Elise (dargestellt von Ingeborg Losch) über diese Gabe. Sie hatte ihren Auftritt in der Kapelle von Schloss Gottorf. Denn Landestheater-Regisseur Nadim Hussain und sein Team ließen die damaligen Situationen nicht nur mit Original-Zitaten von Zeitzeugen aufleben. Der Regisseur war durch die Region gereist und hatte Original-Schauplätze ausgesucht (Gottorf) oder historische Stätten, die ein Gefühl für die damalige Lage vermittelten (Danewerk).

Hatten die Truppen bei eisiger Kälte den Weg von Rendsburg – wo am 1. Februar 1864 der erste Schuss des Krieges fiel – bis nach Sonderburg zurück legen müssen, so reisten die Exkursions-Teilnehmer komfortabler. Zwei Busse starteten ab Schleswig, zwei ab Rendsburg jeweils zu unterschiedlichen Zeiten, so dass es vier Vorstellungen dieses einmaligen Projektes gab. „Bis auf einen Bus vollständig ausverkauft“, freute sich Schauspieldirektor Wolfram Apprich. Obwohl oder weil dieses „Schauspiel“ ein Theater in Bewegung war.

So war bei der zweiten Station am Danewerk in Busdorf ein kleiner Fußmarsch zurückzulegen. Vorbei einer friedlichen Idylle von gepflegten Vorgärten mit blühenden Frühlingsblumen ging es zur blutigen Wirkungsstätte von Dr. Hermann Fischer. Das Landestheater hatte ein halboffenes Zelt aufgeschlagen und wirkungsvoll dekoriert. Dr. Fischer (René Rollin) dozierte dort über die Wichtigkeit von Amputationen – die Entfernung der Gliedmaßen war im 19. Jahrhundert meist die einzige „Behandlung“. Darüber erfuhren die Exkursions-Teilnehmer auch während der Fahrt Näheres. Das Landestheater hatte die Busse in rollende Hörbücher verwandelt: In Zusammenarbeit mit Schülern waren Zeitungsausschnitte, Fotos und Karikaturen herausgesucht und an die Fensterscheiben geklebt worden. Leider einwenig klein und ohne Beschriftung, so dass sich für den Geschichtsunkundigen manche Illustration nicht erschloss. Gleichzeitig hatten Schauspieler und eine Schülerin Texte eingesprochen, die während der Fahrt abgespielt wurden. Im Premieren-Bus streikte allerdings das Abspielgerät. An dieser Stelle wären ein paar schnelle, erklärende Worte der „Reiseleitung“ hilfreich gewesen, denn es dauerte einige Zeit, bis sich eine Lösung fand. Einige Teilnehmer vermissten auch Hinweise zu den Schauspiel-Plätzen, die im Vorwege nicht bekannt gegeben worden waren. Andere fragten sich, warum die Schauspieler die Texte aus „Briefen“ lasen und nicht frei sprachen. Dass Theodor Fontane (Stefan Hufschmidt) las, machte Sinn: Er zitierte aus seinem eigenen Buch über die Schlacht bei Missunde. Der Soldat Wilhelm Gater (Stefan Wunder) stand für die vielen einfachen Kämpfer, deren Briefe - egal von welcher Seite - alle denselben Tenor hatten, so Regisseur Nadim Hussain: Die Sorge ums Überleben. Das Projekt vermittelte die Schrecken des Krieges sehr plastisch. Mit dem Ergebnis, dass mancher Teilnehmer am Ende nichts mehr über Durchschüsse und eiternde Wunden hören mochte.

Dennoch: Ein Projekt, das mit kleinen Verbesserungen nach Wiederholung schreit.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen