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Schleswig-Flensburg : Das Räderwerk der Flüchtlingshilfe

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Bei der Betreuung der vielen Flüchtline arbeiten Behörden und Ehrenamtliche eng zusammen. Dennoch gibt es auch Schwierigkeiten.

von
erstellt am 22.Sep.2015 | 17:45 Uhr

Prognosen zu geben, hat sich Rainer Stiemcke abgewöhnt in den vergangenen Monaten. „Die Flüchtlingszahlen galoppieren förmlich“, sagt der Leiter der Ausländerbehörde des Kreises. Seit zwei Wochen kommen die Hilfesuchenden nicht mehr nur an zwei Tagen pro Woche aus den Erstaufnahmeeinrichtungen ins Kreishaus nach Schleswig, sondern schon an vier Tagen. Dort werden sie erfasst, bekommen Informationen, wie es mit ihnen weitergeht und wo sie im Kreisgebiet untergebracht werden. Vor der Tür warten bereits unzählige Taxis, um sie in alle Himmelsrichtungen auf die Ämter zu verteilen. Bisher zirka 1000, Stiemcke rechnet jedoch mit mehr. „Bis zu 2000 werden es wohl werden“, sagt er. „Aber wer weiß, die starken Monate kommen schließlich erst noch.“ Damit müssen auch die Ämter klarkommen und vor allem die vielen freiwilligen Helfer, die am Ende der Hilfskette stehen und sich der Flüchtlinge annehmen. Sie wissen am besten um die Nöte der Menschen und auch um deren Versorgungssituation.

Das erste Problem ist die Wohnraumbeschaffung. Hier fungiert noch die Ausländerbehörde als Clearingstelle, weil dort die Informationen auflaufen, wie viele Flüchtlinge wann im Kreishaus ankommen. Von den Ämtern kommt die Information, welcher Wohnraum vorhanden ist, so dass die Verteilung gezielt gesteuert werden kann. In den Ämtern sind es die Amtsverwaltungen, die in enger Kooperation mit den Gemeinden Wohnraum anmieten oder gar kaufen – wie kürzlich in Süderbrarup, wo in der Kappelner Straße ein Haus mit zwei Wohnungen erworben und inzwischen voll belegt werden konnte.

Wohnraum zu finden, gestalte sich vor allem im Flensburger Umland schwierig, erklärt Stiemcke, in Schleswig hingegen sei es bislang kein Problem. Vor allem kleinere Wohnungen werden knapp, weil viele junge Flüchtlinge allein unterwegs sind. Stiemcke: „Eine fünfköpfige Familie kriegen wir besser untergebracht als vier alleinreisende Männer.“ Im Amt Süderbrarup, erklärt Peter Clausen, Leitender Verwaltungsbeamter, habe man bis vor kurzem alle Flüchtlinge im Ort Süderbrarup unterbringen können, jetzt müsse man jedoch notgedrungen auch Wohnraum auf den Dörfern suchen, wo Infrastruktur und Versorgungslage schlechter sind.

Die Versorgung mit dem Nötigsten ist unterschiedlich organisiert. In Schleswig beispielsweise finden die Flüchtlinge Kleidung in der Kleiderkammer der Arbeiterwohlfahrt (Awo), so ist es auch in Süderbrarup und Kappeln. In Schleswig betreibt auch das DRK eine Kleiderkammer – ebenso in Busdorf, Harrislee, Hürup, Jübek, Kropp, Langballig, Satrup, Sörup und Wanderup. Möbel gibt es ebenfalls bei der Awo in Schleswig in der Friedrichstraße 31, in Süderbrarup richten Mitarbeiter der Neuen Arbeit Nord (NAN) die Flüchtlingswohnungen zweckmäßig aus.

Otto Tams vom DRK-Vorstand in Jübek: „Wir bekommen reichlich Kleiderspenden, die wir an Flüchtlinge verteilen können.“ Vieles sei aber auch nicht brauchbar, weil es beispielsweise für alte Leute bestimmt sei, die Flüchtlinge aber fast ausschließlich jung seien. „Was wir dringend benötigen, das ist Kleidung für 30- bis 35-Jährige, vor allem in kleineren Herrengrößen.“ Und mit Blick auf die kommenden Monate werde auch Winterbekleidung für Erwachsene und Kinder dringend benötigt.

Allein können die Flüchtlinge ihren Start im Kreis freilich nicht organisieren. Es sind die vielen freiwilligen Helfer vor Ort, die sich als Paten der Menschen annehmen und ihnen die ersten Monate erleichtern. Sie begleiten zu Behörden, Ärzten, helfen bei Dokumenten, beim Einkauf oder bei der Orientierung in der jeweiligen Region. Doch auch die Helfer brauchen Hilfe. Im Amt Süderbrarup laufen die Fäden der Betreuung daher im Familienzentrum in der Mühlenstraße 34 zusammen. Wer helfen möchte, der meldet sich dort bei Annedore Rönnau (Tel. 04641 / 929222). Und auch, wer als Pate Unterstützung braucht, erhält sie dort.

„Wir haben 15 aktive Paten und fünf in der Hinterhand“, sagt Rönnau, die weiß, wie schwer der Paten-Job sein kann. „Das kann schon mal Dimensionen annehmen, die sich manche vorher nicht vorstellen.“ Das liege vor allem daran, dass vieles noch viel zu bürokratisch gehandhabt werde, sagt sie. Etliche Flüchtlinge benötigen nach den Strapazen von Flucht und Erstaufnahme nicht nur Ruhe, sondern auch ärztliche Betreuung. Das sei noch immer mit viel behördlichem Aufwand verbunden – für Fremde wie Paten. Das gleiche gelte, wenn die Flüchtlinge nach drei Monaten eine Arbeit aufnehmen möchten. Selbst wenn Arbeitgeber bereitstehen, dauere es bis zur Genehmigung mitunter Monate. „Das verschreckt auch potenzielle Arbeitgeber“, sagt Rönnau.

Um den Flüchtlingen den Start dennoch erleichtern zu können, koordiniert das Familienzentrum weitere Hilfsangebote, so zum Beispiel interkulturelle Kochkurse, Sprachförderung oder eine Fahrradwerkstatt. Denn Fahrräder werden für die Flüchtlinge in dem Maße immer wichtigen, so Rönnau, in dem sie zunehmend auf die Dörfer verteilt werden müssen.

 

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