Abriss, Schutt und Narben : Das Opfer der Rolltreppe: Schleswiger Erinnerungen an Hertie

Schleswigs erste und letzte Rolltreppe. Die Aufnahme stammt aus dem bereits leer geräumten Kaufhaus Karstadt/Hertie.
Schleswigs erste und letzte Rolltreppe. Die Aufnahme stammt aus dem bereits leer geräumten Kaufhaus Karstadt/Hertie.

Der Hertie-Abriss in Schleswig weckt alte Erinnerungen – auch bei Ingeborg Weiße.

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30. November 2018, 16:55 Uhr

Schleswig | Der Schutthaufen wächst weiter in die Höhe, während das Hertie-Haus weniger wird. Abriss-Tag vier: Im Minutentakt greift der Bagger an, gräbt und frisst sich in die hohen Kaufhaus-Wände hinein, bis größere Brocken herausbrechen und zu Boden krachen.

Der Baggerführer selbst ist dabei kaum zu erkennen, sieht auf seinem hohen Schuttberg eher aus wie ein Playmobil-Männchen mit Helm. Beobachtet wird das Abriss-Spektakel von der Straße aus, wo immer wieder Passanten stehen bleiben, fotografieren und natürlich fachsimpeln, wie es schneller und besser voranginge. Auch ein kleiner Junge auf dem Arm seiner Mutter schaute gebannt zu und stammelte verzückt „Bagga-bagga“.

Und hier die obere Hälfte von Ingeborg Weiße, die sich gern an die alte Grimme-Zeit erinnert.
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Und hier die obere Hälfte von Ingeborg Weiße, die sich gern an die alte Grimme-Zeit erinnert.

Wehmut, dass der große Klotz aus den 60er Jahren nun aus der Ladenstraße verschwindet, ist nicht spürbar. Was wohl mit der plumpen Bauweise von Kaufhäusern aus jener Zeit zu tun hat, die nicht in eine Innenstadt passen will.

Und trotzdem: Bei vielen Schleswigern sind die Erinnerungen gerade an diese ersten Kaufhaus-Zeiten noch hellwach. Schöne Geschichten sind es aus der Kinder- und Jugendzeit, an die man sich gern erinnert und die auch um Grimme und später um Karstadt ranken. Vielleicht, weil damals ein Stück Modernität in Schleswig einzog – dafür steht auch die Rolltreppe bei Grimme. Die erste und einzige, die Schleswig je hatte. Deshalb gilt sie gemeinhin als legendär.

Ingeborg Weiße, Chef-Gestalterin bei I.D. Sievers, weiß es noch wie heute. Und erzählt, warum sie ein Opfer der Rolltreppe wurde. Sogar eine Narbe auf dem Schienbein hat sie davon zurückbehalten. „Ich fand das bei Grimme immer so toll“, sagt die 63-Jährige, „und da bin ich so gern Rolltreppe gefahren.“ Die Schleswiger Rolltreppe rollte nämlich nur in eine Richtung, nach oben. Runter musste man zu Fuß steigen auf der Steintreppe.

Das ist das Schienbein von Ingeborg Weiße – mit der Narbe vom Unfall auf der Rolltreppe.
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Das ist das Schienbein von Ingeborg Weiße – mit der Narbe vom Unfall auf der Rolltreppe.

Klein-Ingeborg also rollt gerade mit ihren weißen Kniestrümpfen ins erste Obergeschoss („ganz brav, ohne zu hopsen“), als sie an einer scharfen Treppenkante mit dem Strumpf hängen bleibt – und hinfällt. „Ich knallte aufs Schienbein, es tat unglaublich weh, und es blutete durch den weißen Kniestrumpf hindurch.“ Ein Bild des Jammers, aber die Mutter ist nicht weit weg und tröstet sie: „Ich kriegte dann eine Cola im großen Café oben.“ Auch das damals etwas Besonderes: „Wir wohnten in Busdorf, und ich freute mich immer, wenn ich mit in die Stadt zum Einkaufen durfte. Besonders, wenn wir zu Grimme gingen“, sagt sie.

Übrigens: Der Gebäudeteil mit den großen Restaurant- und Café-Fenstern steht noch, bis dahin hat sich der Abrissbagger noch nicht vorgearbeitet. Die gute Stimmung damals, der Stolz auf das erste große Kaufhaus im Stadtweg, auf die erste Eisdiele („Eis-Venezia“) oder auf den ersten Supermarkt („Eklöh“) – das alles bleibt vielen trotz aktueller Abriss-Projekte in bester Erinnerung.

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