zur Navigation springen

Schleswig : „Das muss man erstmal sacken lassen“

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Nichts für empfindliche Mägen: „Echte Körper“-Ausstellung auf den Königswiesen zeigt die menschliche Anatomie in all ihren Facetten.

von
erstellt am 18.Sep.2015 | 07:02 Uhr

Sie musste sich erst einmal sammeln, bevor sie die richtigen Worte fand. „Das ist mir doch ziemlich auf den Magen geschlagen. Eigentlich würde ich das ganz gerne erst sacken lassen“, meinte Susanne Schmidtke und steckte sich eine Zigarette an. Die Wanderausstellung „Echte Körper“, die seit gestern in einem großen Zelt auf den Königswiesen gezeigt wird, hatte bei der Koselerin ganz offensichtlich einen tiefen Eindruck hinterlassen. Einerseits, so betonte sie schließlich, sei es sehr beeindruckend gewesen, andererseits sagte sie aber auch: „Mit Kindern würde ich da nicht reingehen.“

So wie Susanne Schmidtke ging es vielen Besuchern, die sich im wahrsten Sinne des Wortes durch die Ausstellung trauten. Denn für Zartbesaitete ist diese Leichen-Schau gewiss nichts. 200 Exponate, darunter fünf komplette Körper, warten auf die Besucher. Einzelne Muskelstränge, aufgeschnittene Beine, von Metastasen befallene Organe, ein in etliche Scheiben geschnittener Mensch, offene Gehirne oder ein weiblicher Unterleib: Die gesamte menschliche Anatomie wird einem bis ins letzte Detail vor Augen (auch diese sieht man) geführt. Hinzu kommt eine Galerie von 23 Föten, die allesamt – aus unterschiedlichen Gründen – nie das Licht der Welt erblickt haben. Einige Präparate sind in Formalin eingelegt, die meisten jedoch sind plastiniert. Ein Konservierungsverfahren, mit dem insbesondere Gunther von Hagens seit Jahrzehnten für Aufsehen sorgt.

Von diesem und seiner „Körperwelten“-Ausstellung wollen sich die Macher von „Echte Körper“ bewusst abgrenzen. Man sieht sich als Bildungseinrichtung und wolle bewusst keine Sensationsgier bedienen, betonte Thomas Müller, der technische Leiter der Ausstellung. Während von Hagens mehr auf Bewegung setzt und auch nicht davor zurückschreckt, zwei plastinierte Körper beim Sex zu zeigen, wolle man bei der eigenen Schau in erster Linie die Facetten des menschlichen Körpers in den Fokus rücken. „Wir leisten dadurch Aufklärungsarbeit. Gleichzeitig soll das Ganze würdevoll präsentiert werden“, meinte Müller.

Welche Namen und Geschichten sich hinter den 14 Menschen verbergen, weiß er im Übrigen nicht. Nur so viel: Sie stammen allesamt aus den USA. Dort wurde die Ausstellung konzipiert – und von dort aus wurden sämtliche Körper und Körperteile 2006 „entpersonalisiert“ in Kisten nach Europa verschifft. „Sie alle haben sich zu Lebzeiten freiwillig dafür zur Verfügung gestellt, aus unterschiedlichsten Gründen. Davon gibt es mehr Menschen, als man denkt. Ich habe gehört, dass es allein bei von Hagens eine Warteliste von fast 40  000 Interessenten gibt“, so Müller.

Tatsächlich gibt es in der Ausstellung zu den jeweiligen Exponaten auch eine Menge Informationen. So hängt neben einer Vitrine, in der Nieren liegen, eine große Schautafel, auf der erklärt wird, wie Nierenkrebs entsteht. Dieses Prinzip zieht sich durch die gesamte Schau. Auf anderen Infotafeln werden auch Themen wie Aids/HIV oder Organspenden behandelt.

„Als mein Vater letztes Jahr gestorben ist, hat er auch Organe gespendet. Darüber habe ich mit meinen Kindern gesprochen – und das ist auch ein Grund, warum wir heute hier sind“, erzählte Besuchern Julia Stolp. Die Hebamme geht mit ihren Kindern Jesko (11), Tronje (8) und Godje (6) offen mit Themen wie Tod oder Sexualität um. „Deswegen werden sie auch keine Albträume bekommen, weil sie hier waren.“ Entsprechend unaufgeregt schilderten die drei dann auch ihre Eindrücke von der Ausstellung. Besonders die Raucherlunge, die sich deutlich schwerer mit einer Pumpe aufblasen ließ als die gesunde, habe sie beeindruckt. „Aber irgendwie riecht es hier nicht so toll“, meinet Godje.
> Die Ausstellung ist bis Sonntag (täglich 11 bis 18 Uhr) zu sehen; Eintritt: 15 Euro, 4 Euro für Kinder

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen