Tödlicher Nachbarschaftsstreit in Schleswig : Das Motiv bleibt unklar

In diesem Haus lebte das Opfer Gerwin L. – hier wurde er auch getötet.
In diesem Haus lebte das Opfer Gerwin L. – hier wurde er auch getötet.

Im Prozess gegen den Mann, der seinen Nachbarn Gerwin L. gefangen hielt und tötete, werden neue Einzelheiten zum Ablauf der Tat bekannt.

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08. Juni 2018, 07:00 Uhr

Nachdem er seinen Nachbarn umgebracht hatte, setzte er sich auf die Couch und weinte. Dann ging er zu Famila und kaufte sich einen Rucksack voller Bier. Zu Hause trank er zwei oder drei Halbliterdosen aus. Danach konnte er endlich schlafen. Zum ersten Mal seit mindestens vier Tagen.

So schilderte es Andreas L. (53) bei der Polizei, nachdem er Wochen später in seiner Wohnung verhaftet worden war. Jetzt muss er sich wegen Totschlags vor dem Flensburger Landgericht verantworten. Gestern hat die Verhandlung wieder von vorn begonnen, nachdem ein erster Anlauf im April abgebrochen werden musste, weil der psychiatrische Sachverständige in einer Verhandlungspause zu viel geplaudert hatte und die Verteidigung ihn für befangen erklären ließ.
 

Der Täter litt womöglich unter Verfolgungswahn
 

Anders als im April verzichtete die Strafkammer diesmal darauf, die Öffentlichkeit auszuschließen. Der Angeklagte schwieg. Er ließ durch seine Anwältin ausrichten, dass er „die Vorwürfe nicht bestreitet“. Bei der Polizei aber hatte er ein umfassendes Geständnis abgelegt. Er hatte sich widerstandslos festnehmen lassen und gesagt, er sei „froh, dass alles vorbei ist“. Der Polizeibeamte, der ihn im November vernommen hatte, konnte nun detailliert schildern, wie sich die Tat abgespielt haben muss. Was den Ablauf angeht, zeichnet sich ein relativ klares Bild ab. Große Fragezeichen stehen aber noch hinter den Motiven. Dabei wird im weiteren Prozessverlauf, das deutete sich gestern an, die Frage eine Rolle spielen, ob und in welchem Umfang Andreas L. unter Verfolgungswahn leidet.
 

Vom Redeschwall des Gefesselten genervt
 

Das Opfer Gerwin L., ein 61 Jahre alter Bundeswehr-Angestellter, hatte demnach an einem Tag im Oktober des vergangenen Jahres an der Wohnungstür seines Nachbarn im Stadtnorden geklingelt und nach einer Tasse Kaffee gefragt – und zwar in einem Ton, den Andreas L. als „herablassend“ empfand. Daraufhin kam es zu einem Faustkampf. Am Ende ging das Opfer benommen und mit einer Platzwunde am Kopf zu Boden. „Hätte ich einen Krankenwagen gerufen, wäre alles gut gewesen“, sagte Andreas L. bei der Polizei. Stattdessen aber fesselte er Gerwin L. und irgendwann klebte er ihm auch noch den Mund zu – und zwar offenbar deshalb, weil er den ständigen Redeschwall seines Gefangenen nicht mehr ertragen konnte.

Tagelang lebten die beiden in der Ein-Zimmer-Wohnung. Der Täter saß meistens apathisch im Wohn- und Schlafzimmer. Das Opfer lag in der Küche. Andreas L. wagte nicht, das Haus zu verlassen, nicht einmal zum Einkaufen. So hatten beide nichts zu essen und nicht zu trinken. Nach ungefähr vier Tagen – genau lässt es sich bislang nicht rekonstruieren – schlug Andreas L. mit einem Hammer auf den Kopf seines Opfers. Als dieses danach noch lebte, erwürgte er es mit seinem Gürtel.

Die Leiche lag danach über Wochen in der Wohnung. Andreas L. deckte sie nur mit großen schwarzen Müllbeuteln ab. Anders, als es zu erwarten gewesen wäre, bildete sich offenbar kein starker Leichengeruch. „Die Luft war erstaunlich erträglich“, sagte der Polizist, der die gruselige Szenerie schließlich entdeckte.

Das Auto des Opfers für 700 Euro verkauft

Bei der Polizei gab Andreas L. an, er habe überlegt, einen Kleintransporter zu mieten, den Toten mit einer Sackkarre aus dem Haus zu schaffen und irgendwo auf einem Feld außerhalb der Stadt zu verbrennen. Doch er tat nichts dergleichen. Stattdessen ging er immer wieder in die Wohnung des Toten und suchte nach Wertsachen. Als er den Fahrzeugbrief für den alten VW Golf von Gerwin L. fand, fuhr er mit dem Auto zu einem Gebrauchtwagenhändler in St. Jürgen und verkaufte es für 700 Euro. Das Geld gab er offenbar für Alkohol und Drogen aus. Die Sucht begleitet ihn schon seit Jahrzehnten. Er war deshalb schon mehrfach stationär in Behandlung. In Phasen, als es ihm besser ging, arbeitete er im Baugewerbe. In seiner Schleswiger Wohnung lebte er seit rund zwei Jahren.  Der Prozess wird am kommenden Dienstag fortgesetzt. Das Urteil ist für den 5. Juli geplant.

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