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Schleswiger Nachrichten

22. Oktober 2017 | 01:31 Uhr

LandesTheater : Das Kneipen-Experiment

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Zwei Schauspieler des Landestheaters schlüpfen in die Rollen von Trampern und machen das Irish Pub im Lollfuß zu ihrer Bühne.

Das frische Guinness glänzt sattbraun in den Gläsern, der erste Zigarettenqualm hängt in der Luft und auf dem Bildschirm an der Wand läuft Fußball. Eigentlich war alles wie immer im Irish Pub, und es hätte ein ganz gewöhnlicher Abend werden können. Doch es kam anders, denn zwei „Gestrandete“ übernahmen für die nächsten Stunden die Regie und machten das Pub zu ihrer Bühne.

Spätestens als Johannes Fast und Lorenz Baumgarten Gitarre und Kistentrommel auspackten, war auch dem letzten Besucher klar, dass dieser Abend anders als sonst verlaufen würde. Die beiden Schauspieler des Landestheaters schlüpften in ihre Rolle als Tramper, die sich vor 30 Stunden in Amsterdam kennen- und – rein platonisch natürlich – „lieben“ lernten. Nun waren sie auf ihrem Weg gen Norden im Schleswiger Lollfuß hängengeblieben. Schließlich habe ihr Fahrer behauptet, dieser Stadtteil sei „der Inbegriff von Schleswig“, meinte Lorenz Baumgarten in seiner gleichnamigen Rolle als passionierter – wenn auch nicht besonders guter – Geschichtenerzähler und Udo-Jürgens-Fan. Da sowohl er als auch sein Kumpane, ein gelangweilter Ethnologe, als „Jungs von der Straße“ pleite waren, kamen sie ins Pub, um Musik zu machen – und anschließend die geliehene Mütze zum Geldsammeln rumgehen zu lassen.

Und die Musik war das Geld auch wert. So rhythmisch wie Lorenz Baumgarten seine Trommel bearbeitete, so schön begleitete ihn Johannes Fast mit seiner Gitarre und oft auch mit seiner Stimme. Einzig die Akustik blieb in dem verwinkelten Pub auf der Strecke, denn das Duo hatte bewusst auf Verstärker und Mikrofone verzichtet. Wer aber das Glück hatte, direkt neben den beiden zu sitzen, kam nicht nur in den Genuss ihres musikalischen Potpourris von Johnny Cash bis – richtig geraten – Udo Jürgens, sondern wurde zudem Teil des Schauspiels. Denn in ihren musikalischen Pausen setzten sich die zwei Protagonisten zu den Leuten an die Tische und verwickelten sie in ein Gespräch – immer in ihrer Rolle verhaftet.

Allerdings führte dies mitunter zu Szenen, in denen sich Realität und Fiktion zu vermischen schienen, denn nicht immer wurde deutlich, ob die Schauspieler nun aus ihrer Rolle heraus sprachen, oder doch sie selbst waren. Zumal sie Teile ihrer Lebensläufe in die Figuren integrierten – so hat Johannes Fast tatsächlich Ethnologie studiert, ehe es ihn ins Schauspielfach zog. Ob sein Fluchtreflex angesichts der pointenlosen Geschichten seines Reisekumpans nun gespielt oder echt war – amüsant war er allemal.

Da störte dann auch Udo Jürgens und sein „ultimatives Aufbruchslied“ nach New York nicht mehr. Schließlich, so betonten die beiden Schauspieler, sei einem als Schleswiger die „Freiheit“ ja durchaus bekannt. Am Ende hatten auch sie sich aus ihrer Ecke befreit und spielten mitten in der Kneipe, so dass auch die hinteren Tische mehr von dem musikalischen Schauspiel hatten. Wieder in die Realität zurückgekehrt, meinte Johannes Fast über das Pub-Experiment: „Das war ganz anders, als ich es mir vorgestellt habe. So habe ich nur zehn Prozent von dem erzählt, was vorgesehen war.“

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