Grossstadt Flensburg : „Das ist eine Lachnummer“

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Oberbürgermeister Simon Faber bringt eine „Großkommune Flensburg“ ins Gespräch – und erntet im Umland viel Widerspruch. Vor allem Landrat Buschmann hält seine Hand schützend über die Dörfer am Stadtrand.

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30. Januar 2015, 12:25 Uhr

Eine Großkommune Flensburg unter Einbeziehung sämtlicher Umlandgemeinden – dieser Vorstoß des Flensburger Oberbürgermeisters Simon Faber schlug im Kreishaus in Schleswig ein wie eine Bombe. Landrat Wolfgang Buschmann war gestern bereits am Frühstückstisch bei der Lektüre der Tageszeitung in Brass geraten. Am Schreibtisch legte sich der Ärger nur bedingt. Statt Vertrauen zu schaffen, schalte die Stadt zunehmend auf Konfrontation. „Noch nie war Flensburg in den zurückliegenden 20 Jahren gegenüber seinem Umland auf so einem starren Isolationskurs wie derzeit“, schimpft Buschmann, bis 2012 selbst Bürgermeister in Harrislee. Unmut ruft der Vorstoß Fabers auch im Umland hervor.

Faber hatte in der gestrigen Ausgabe unserer Zeitung davon gesprochen, dass man mit den derzeitigen interkommunalen Kooperationen an Grenzen gerate, eine Kommunalreform seit Jahrzehnten überfällig sei. Und: Erst als Großstadt mit mehr als 100  000 Einwohnern inklusive Harrislee hätte Flensburg eine „echte Grenzlage“, die für alle Bürger der Region Vorteile bringen könnte. Seine Lösung: die Großkommune Flensburg nach dänischem Vorbild.

Für Buschmann eine Farce: „Wer seine Nachbarn eingemeinden will, sollte keine Wildcard ziehen, sondern muss durch seine Qualifikation überzeugen. Letztere sehe ich in Flensburg derzeit weder in der Sache noch im Verhalten als gegeben.“ Im Gegenteil: Auch die bestehenden Zweckbündnisse im Bereich gemeinsamer Gewerbegebiets-Erschließungen (Handewitt und Wees) könnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Stadt sich in den vergangenen Jahren nicht gerade als verlässlicher Partner bewährt habe.

Die angedachte Stadt-Umland-Kooperation hätte diesbezüglich mehr Klarheit ergeben können, sagt der Landrat. Dass Flensburg dieses abzulehnen scheine, mache allerdings deutlich, dass keine regionale Mitsprache gewünscht werde.

Mit Blick auf die Wechselwirkungen zwischen Stadt und Umland dreht Buschmann den Spieß um. Was wäre Flensburg ohne sein Umland?, fragt er. Inhaltlich habe Flensburg zweifellos viel zu bieten, und vorausgesetzt, es gäbe die ehrliche Bereitschaft auf die Gemeinden zuzugehen, dann ließe sich vieles gemeinsam bewegen. Buschmann: „Eine Eingemeindungsdiskussion unter dem Placebo Strukturanpassung wirkt aber wenig vertrauensfördernd und deplatziert.“

Flensburg verkenne zudem die Identifikationskraft, die Gemeinden auf ihre Einwohner ausüben, und erwäge eine komplette „Identitätsverschmelzung“. Der aktuelle, von Flensburg auf Wohnbaukontingente eingedampfte Kooperationsprozess reiche als vertrauensbildende Maßnahme sicher nicht aus.

Ins gleiche Horn stößt Michael Eichhorn, Bürgermeister von Wees. „Das Vertrauen, auf dessen Grundlage so etwas überhaupt diskutiert werden könnte, fehlt mir“, sagt er. Der eingeschlagene Weg Flensburgs im Hinblick auf die Wirtschaftsförderung (Infragestellen der Wireg) und die Stadt-Umland-Koordination habe wenig mit vertrauensvoller Zusammenarbeit zu tun, sagt er. „Unter den gegebenen Rahmenbedingungen kann ich mir einen Weg in Richtung Flensburg überhaupt nicht vorstellen.“

Hans-Heinrich Tramsen, Bürgermeister von Husby, sieht die Sache pragmatisch. Natürlich gelte es, über moderne Kommunalstrukturen nachzudenken, sagt er. Da sei eine Gemeinde nichts anderes als ein Wirtschaftsunternehmen. Entsprechende Gespräche müsse man auch mit Flensburg führen, um die Kooperation zu verbessern. In diesem Zusammenhang nimmt er die „schwierige Stadtpolitik“ in die Verantwortung. Mit der CDU-Fraktion habe man kürzlich über Wohnbebauung und Wirtschaft gesprochen, aber nicht über eine Großkommune. Es sei Aufgabe der Politik, „dem Oberbürgermeister auf den Weg zu helfen“. Die Politik in Flensburg habe das Thema Kooperation mit dem Umland viel zu lange schleifen lassen und der Verwaltung überlassen.

„Die Politik entscheidet, nicht die Flensburger Verwaltung“, sagt auch sein Amtskollege aus Langballig, Peter-Dietrich Henningsen, und betont, dass er auch weiterhin auf Kooperation, unter anderem bei der Wohnbebauung und im Klimaschutz, setze. Wenn der Oberbürgermeister von 100  000 Einwohnern für die Stadt als Großkommune träume, dann sei das eine „Lachnummer“. Im Übrigen könne sich Flensburg über das Umland nicht beklagen. „Wir zahlen für alle kulturellen Einrichtungen, den Schullastenausgleich und vieles mehr“, betont der Bürgermeister. „Es wäre ein geschichtlicher Witz, eine Großkommune zu schaffen, nur weil der SSW das will. Wer legt sich denn mit einem Kranken ins Bett?“

Harrislees Bürgermeister Martin Ellermann möchte jetzt „einen kühlen Kopf bewahren“, auch wenn ihn die Schlagzeile überrascht habe. Das Verhältnis zwischen Flensburg und Harrislee bezeichnete er als „gut“. Er werde jetzt abwarten, mit welchen konkreten Vorschlägen bei den Wohnbaukontingenten Flensburg auf die anderen Gemeinden zugehen werde. Ellermann sagt aber auch, dass eine Großkommune, die eine Eingemeindung auch Harrislees bedingen würde, für ihn nicht in Frage komme. Wenn man über Kooperation spricht, dann „sollte man die kommunale Selbstverwaltung des anderen respektieren.“ „Die Harrisleer identifizieren sich sehr stark mit ihrer Gemeinde, das zeigen nicht zuletzt die 60 Vereine, die hier aktiv sind.“

Kooperation – das ist auch für Thomas Rasmussen, Bürgermeister von Handewitt, der Königsweg. „Wir haben das sehr erfolgreich bewiesen, vor allem mit dem gemeinsamen Gewerbegebiet“, sagt er. Die Faber’sche Großstadtidee sei weder angekündigt, abgestimmt, noch debattiert worden. „Von dieser Position sind wir sehr überrascht.“

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