Schloss Gottorf : Das Geheimnis der Gottorfer Glocken

Im Jahr 1925 wurden die Schilling-Glocken feierlich in Betrieb genommen.  Foto: archiv Rathjen
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Im Jahr 1925 wurden die Schilling-Glocken feierlich in Betrieb genommen. Foto: archiv Rathjen

Trierer Campanologe Sebastian Schritt stellte Überraschendes fest: Herkunft aus Thüringen, ungewöhnliche Widmung, merkwürdiger Klang

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07. Dezember 2011, 09:53 Uhr

Schleswig | Da staunten die Verantwortlichen auf Schloss Gottorf nicht schlecht. Im November besuchte Campanologe Sebastian Schritt aus Trier das Schloss. Campanologe? Eine seltene Fachbezeichnung, die wohl nicht jedem geläufig sein dürfte. Ein Campanologe ist ein Glocken-Kundler, der sich mit den musikalischen, technischen und historischen Aspekten von Glocken beschäftigt. Aus diesem Grund zog es Schritt zum Schloss Gottorf. Er wollte die Glocken des profanen Bauwerks untersuchen, um die Ergebnisse später für seine private Zwecke verwerten zu können. Hauptberuflich arbeitet er in der Dom-Information, einem Besucherzentrum des Trierer Doms.

Überraschend für die Gottorfer: Schritt fand heraus, dass die Glocken aus der bekannten Gießerei Schilling im thüringischen Apolda stammen. Dies ist zunächst keine Besonderheit, so kommen wohl hunderte Glocken in Deutschland aus dieser Produktion. Besonders ist jedoch, dass das Geläut auf Schloss Gottorf aus der Zwischenkriegszeit stammt und noch vollständig erhalten ist. In Schleswig-Holstein kann dies ansonsten nur die St.-Nicolai-Gemeinde in Kiel von ihren Glocken sagen. Das Gottorf-Geläut war am 7. Mai 1925 feierlich in Betrieb genommen worden. Zuvor waren die damalige Luther- und Kaiser-Glocke dem Ersten Weltkrieg zum Opfer gefallen, die Gustav-Adolf-Glocke wurde durch den verheerenden Brand im Dezember 1917 vernichtet. Schritt: "Glocken wurden sowohl im Ersten als auch Zweiten Weltkrieg als Rohstoffreserve genutzt und zu Waffen verarbeitet. Für uns sind daher alle Glocken historisch, die vor 1939 produziert wurden."

Warum die Glocken erhalten blieben und nicht der Waffenproduktion zum Opfer fielen, damit beschäftigt sich nun Dr. Uta Kuhl, Kuratorin auf Schloss Gottorf. Sie vermutet, dass vielleicht der damalige Landeskonservator Ernst Sauermann seine schützende Hand über Gottorf hielt. Das eigentliche Interesse von Schritt lag hingegen nicht in der Herkunft der Glocken, sondern in ihrem Klang. Mit speziellen Mikrofonen nahm er diesen auf, um ihn später wissenschaftlich zu verwerten. Hierbei stellte er fest, dass die Gottorf-Glocken im Dur-Klang F, A, C erklingen. Vor seinem Besuch hatte er den Dur-Klang E, Gis, H erwartet, der besonders oft bei Kirchenglocken in Sachsen, nahe der Heimat der Gießerei Schilling, zu hören ist.

Neben Schloss Gottorf ließ der Campanologe auch die Glocken der Pauluskirche, des Doms und der St.-Ansgar-Gemeinde in Friedrichsberg läuten. Gerne hätte er auch auf der Auferstehungskirche Tonaufnahmen gemacht, doch die Glocken befanden sich zum Zeitpunkt seines Aufenthalts in Reparatur. "Ich hatte bei den Aufnahmen bestes Wetter, denn es war nahezu windstill", sagt er. Positiv überrascht war er über die Resonanz auf seine Anfragen. So hatte er die Erfahrung gemacht, dass nicht jede Kirchengemeinde das unplanmäßige Läuten ihrer Glocken ohne weiteres erlaubt. "Ich wurde hier offen aufgenommen", erklärt er. Zuvor war Schritt bereits eine Woche in Schweden und Norwegen unterwegs, um dort ebenfalls Glockenklänge zu erforschen. Interessante Erkenntnisse lieferten auch die Inschriften der drei Schloss-Glocken. So stand auf einer: "Die Dänen sind wir los, das Land ist wieder frei. Das danken wir König Wilhelm VI." Dieser ist jedoch sowohl Schritt als auch Kuhl unbekannt. Die Kuratorin will hierzu Nachforschungen anstellen. Campanolge Schritt wird ihr dabei helfen. Er "sieht seine Arbeit als Passion" und konnte durch den Besuch in Schleswig einige Lücken in seinem privaten Glocken-Fundus schließen.

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