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Schleswiger Nachrichten

20. August 2017 | 10:32 Uhr

Gross Rheide : Das Ende des „Westend“

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Der Abriss ist in vollen Zügen: Das Gebäude des früheren Hotels im Groß Rheider Dorfzentrum wird dem Boden gleichgemacht.

Seit 14 Tagen sind die Bagger im Einsatz, um das große Gebäude des ehemaligen Hotels „Westend“ abzureißen. Dieses Hotel – ein markanter Bau mitten im Dorfzentrum – war in der Region früher bekannt. Sein Saal galt als einer der schönsten in der Umgebung, bis das „Westend“ 2000 geschlossen wurde. Die älteren Dorfbewohner können sich gut daran erinnern, als dort noch alle Feste gefeiert wurden. So auch der 95-jährige Ernst Neumann, der Anfang der 50er Jahre nach Groß Rheide kam und gegenüber der Gastwirtschaft wohnt. „Das ,Westend’ war unser Dorftreff. Wir haben dort schöne Feste gefeiert, verbrachten dort nette Stunden beim Frühschoppen und Spätschoppen. Es ist schade, dass es zu diesem Niedergang kommen musste“, sagte er, während er mit vielen weiteren Dorfbewohnern den Baggern beim Abriss des alten Gebäudes zuschaute. Da Gefahr bestand, dass Bauteile beim Abbruch auf die Straße fallen könnten, kümmerte sich die Feuerwehr um die Verkehrssicherung.

Zur Historie des Gebäudes: Der Dithmarscher Georg Matthiesen kaufte die Vorgänger-Gastwirtschaft mit Laden, in dem es alles gab, was die Dorfbevölkerung damals benötigte – und entsprechend turbulent ging es zu, als 1924 Hotel und Laden in Flammen standen, wie es in der Dorfchronik überliefert ist: „Beim Feuer kümmerten sich viele Löschhelfer weniger um die Flammen, sondern mehr um die Waren für den Eigengebrauch. Dabei ging sehr viel Porzellan zu Bruch. Weiter weg versuchten die Frauen, Schuhe anzupassen. Sorgfältiger wurden Kümmel und Rum gerettet. Da die Feuerhitze durstig machte, wurden die Flaschen von den Feuerwehrleuten sofort geleert“.

Dieses Brandspektakel hatte ein gerichtliches Nachspiel, das die Gemüter weit und breit in der Umgebung schmunzeln ließ. Es bestand der Vorwurf der Brandstiftung, da die Feuerversicherung noch rechtzeitig stark erhöht worden war. Obwohl das Gericht nicht von seiner Unschuld überzeugt war, wurde Georg Matthiesen freigesprochen und mit einer Ehrenpforte im Dorf empfangen. Der Gastwirt bekam viel Geld von der Versicherung, aber doch nicht genug für seinen Prunkbau, den er auf dem Grundstück der abgebrannten Gastwirtschaft errichtete. So übernahm der Baumeister Karl Söhrn den „Kasten“.

Fortan gaben sich Pächter und Besitzer die Türklinke in die Hand. Trotz der vergnügten Wirtsleute Klaus und Gisela Möller wurde das „Westend“ laut Chronik zwischenzeitlich geschlossen – nicht gerade zur Freude der Groß Rheider. Denn die anstehenden Feste und Versammlungen mussten von nun an woanders stattfinden. Erst nach Jahren des Leerstandes übernahmen Anni und Uwe Erichsen aus Neuberend 1951 das Hotel – mit wenig finanziellen Mitteln, aber mit viel Optimismus und Fleiß, wie es der Chronist beschrieb. Das „Westend“ wurde wieder zu einem Treffpunkt für die Dorfbevölkerung und blieb knapp 50 Jahre in Familienhand. Um die Jahrtausendwende gab Uwe Erichsen das Hotel auf, nachdem er vergeblich versucht hatte, erfolgreiche Gastronomie in das Haus zu holen. Aber nichts war von langer Dauer. So stand das Gebäude viele Jahre ohne Nutzung da. Der Verfall setzte ein.

Vor ein paar Wochen sicherte sich Herbert Plähn bei der Zwangsversteigerung des Gebäudes die Immobilie. Er ließ Bagger und Räumfahrzeuge zum Abriss anrollen. Was wird nun mit dem Grundstück geschehen? „Die Bebauung ist noch nicht spruchreif. Da dies ein Mischgebiet ist, lässt es Gewerbebauten und auch Wohnbebauung zu. Ich habe mich noch nicht entschieden“, sagt Plähn.

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