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Nach Messer-Attacke : China-Koch in Psychiatrie

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Landgerichts-Prozess wegen versuchten Totschlags: Der Angeklagte schweigt weiter.

Gestern waren es nicht wie am ersten Verhandlungstag uniformierte Justizbeamte, die den Angeklagten in den Schwurgerichtssaal führten. Es waren zwei junge Männer in T-Shirts und Turnschuhen: Mitarbeiter des psychiatrischen Krankenhauses in Neustadt (Holstein). Dort ist der 32-jährige Koch seit neuestem untergebracht, der am Gründonnerstag seinen Kollegen im Chinarestaurant am Wikingturm mit einem Gemüsemesser schwer verletzt hatte.

Was diese neue Situation für den weiteren Prozess vor dem Landgericht bedeutet, ist noch offen. Morgen wird ein psychiatrischer Sachverständiger seine Einschätzung detailliert vortragen. Statt einer mehrjährigen Haftstrafe wegen versuchten Totschlags oder schwerer Körperverletzung steht nun auch eine langfristige Einweisung in die Psychiatrie im Raum. Diese könnte, sagte die Vorsitzende Richterin Birte Babener, theoretisch auch zur Bewährung ausgesetzt werden. Das wäre zum Beispiel dann möglich, wenn der Gutachter zu dem Ergebnis kommt, dass der Angeklagte ungefährlich ist, solange er regelmäßig seine Medikamente einnimmt – und sichergestellt ist, dass er dies auch tut.

Genau daran könnte es aber hapern. Die Ärzte in Neustadt haben Schwierigkeiten, den Mann zu behandeln. Das liegt auch daran, dass er kein Deutsch spricht und nur wenige Brocken Englisch. An eine Psychotherapie, in der Gespräche eine große Rolle spielen, ist da kaum zu denken.

Auch das Gericht tappt noch immer weitgehend im Dunkeln bei der Frage, was den Familienvater aus Zentralchina bewogen haben mag, seinen Kollegen zu attackieren. Die beiden hatten sich vorher ums Mittagessen für das Personal gestritten, so berichtete es das ebenfalls chinesische Opfer, das mehrere Schnittverletzungen am Kopf und an der Brust erlitten hatte.

Diese Schnitte hätten leicht zum Tod durch Verbluten führen können, erläuterte die Kieler Rechtsmedizinerin Sabine Gumpert gestern. „Die Kopfschwarte ist sehr stark durchblutet. Da können kleine Schnitte schnell zum Verlust von zwei oder drei Litern führen“, sagte sie. Außerdem sei es purer Zufall gewesen, dass der Schnitt im Brustbereich nicht zu einer lebensgefährlichen Öffnung des Brustkorbs geführt habe. Letztlich war es dem beherzten Eingreifen eines vietnamesischen Hilfskochs und der schnellen Behandlung im Schleswiger Krankenhaus zu verdanken, dass das Opfer von seinen schweren Verletzungen ohne Komplikationen wieder genesen ist.

Bisher hat der Angeklagte zu den Vorwürfen geschwiegen. Auch zu seinen persönlichen Umständen sagte er fast nichts. Richterin Babener appellierte nun an ihn, sein Schweigen noch einmal zu überdenken, um es dem Gericht damit zu erleichtern, seine Gedankenwelt zu verstehen.

Der Mann hat in Deutschland keine Angehörigen und lebte vor der Tat weitgehend isoliert in Schleswig. Babener warf die ganz praktische Frage auf, wohin er gehen könne, wenn er auf Bewährung aus der Psychiatrie entlassen würde. Sie hätte offenbar nichts dagegen, wenn er einfach nach China zurückkehrte. „Aber er müsste ja erst einmal einen Flug buchen – und ihn bezahlen.“ Verteidiger Yu Lin bot an, Kontakt zum chinesischen Konsulat in Hamburg aufzunehmen, um diese Frage zu klären.

 

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erstellt am 15.Okt.2015 | 07:51 Uhr

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