Aus dem Schleswiger Amtsgericht : Chaos im Prozess um den Hertie-Brand

Hauptangeklagter überrascht mit neuen Aussagen – und belastet seinen Komplizen schwer. Noch mindestens zwei weitere Verhandlungstage sind eingeplant.

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03. Dezember 2014, 13:15 Uhr

Man könnte problemlos ein ganzes Buch über diese beiden jungen Männer und ihre kriminelle Vergangenheit schreiben. Und genau das ist wohl auch der Grund dafür, dass gestern vor dem Amtsgericht noch immer kein Urteil gesprochen wurde in dem Fall der beiden Schleswiger, die im Herbst 2013 das leer stehende Hertie-Gebäude in Brand gesteckt haben (wir berichteten). Weil diese Tat jedoch bei weitem nicht die einzige ist, die ihnen in dem Verfahren zur Last gelegt wird, ging es gestern ausschließlich darum, die Beweisaufnahme fortzuführen.

Dabei zeichnete sich auch dieser zweite, erneut rund siebenstündige Verhandlungsmarathon in erster Linie dadurch aus, dass die beiden Angeklagten, 18 und 20 Jahre alt, sich in ihren Aussagen widersprachen oder meinten, sich nicht mehr genau zu erinnern an die Details der verschiedenen Tatnächte. Damit aber nicht genug: Am Ende revidierten sie zum Teil sogar ihre eigenen Aussagen, die sie vergangene Woche vor Gericht oder bereits zuvor bei den Vernehmungen durch die Polizei zu Protokoll gegeben hatten. Das wiederum ging schließlich so weit, dass nicht nur Amtsrichterin Gudrun Mucke und die beiden Schöffen, sondern auch Staatsanwalt Emanuel Guhra und – in erster Linie – die beiden Pflichtverteidiger von diesem Zickzack-Kurs überrumpelt wurden.

So gab der 20-jährige Hauptangeklagte nun – im Gegensatz zu seinen bisherigen Aussagen – überraschend an, dass doch nicht er, sondern sein 18-jähriger Komplize das Feuer bei Hertie entzündet habe. Zudem habe er selber darauf gedrängt, die Feuerwehr zu rufen. „Ich sehe es nicht mehr ein, die ganze Schuld auf mich zu nehmen“, meinte der junge Mann und erklärte, dass es im Vorfeld des Prozesses eine Absprache zwischen den beiden gegeben habe. Da er, im Gegensatz zu seinem jüngeren Kumpel, keine Familie habe, sei man darin überein gekommen, dass er die Hauptschuld auf sich nehme. „Das hatte ich versprochen. Aber darauf habe ich jetzt keinen Bock mehr. Es schadet mir ja nur“, begründete er seine 180-Grad-Wende und gab zudem an, dass man sämtliche Brände (in zwei Nächten sollen die beiden sieben Feuer gelegt haben; bislang galt der 20-Jährige dabei als Hauptverdächtiger) bewusst und gemeinsam entfacht habe.

Sein Komplize hingegen stritt diese Vorwürfe ab, gab aber nun doch zu, in der Tatnacht zumindest mit im Hertie-Gebäude gewesen zu sein. Eine Absprache über ihre Aussagen vor Gericht jedoch habe man nicht getroffen. Vielmehr behauptete der 18-Jährige jetzt, von seinem ehemals besten Freund erpresst worden zu sein. „Er meinte, dass er mich in die Sachen mit reinziehen will, wenn ich nicht auch einen Teil der Schuld auf mich nehme.“

Diese klassische Aussage-gegen-Aussage-Situation gilt auch für einen der weiteren Fälle, für den sich die beiden verantworten müssen. Im September 2013 sollen sie in die Wohnung eines Mannes in der Schubystraße unerlaubt eingedrungen sein und diesen dann angegriffen, verletzt und später bedroht haben. Davon gingen alle Beteiligten zumindest bislang aus. Allerdings erklärte das Opfer nun, dass allein der 18-Jährige und dessen Vater auf ihn eingeprügelt hätten. Den älteren der beiden Angeklagten kenne er gar nicht. Eine Aussage, die für Verblüffung sorgte: Denn zuvor hatte der 20-Jährige noch zugegeben, dass er es gewesen sei, der den Mann mit einem Schlag gegen die Schläfe niedergestreckt hatte. Nach einer kurzen Verhandlungspause nahm der Hauptangeklagte seine Aussage wieder zurück. Auch in diesem Fall hätte er seinen Komplizen und insbesondere dessen (vorbestraften) Vater schützen wollen.

Gegenseitige Schuldzuweisungen prägten auch den weiteren Verlauf der Verhandlung. So gaben beide jungen Männer an, dass es jeweils der andere gewesen sei, der in der Nacht des 27. Oktober 2013 einen ganzen Schwung Einkaufswagen eines Supermarktes mitten auf die Königstraße geschoben und dabei für eine erhebliche Gefahr für Autofahrer gesorgt habe. Anschließend legten sie in Höhe des ehemaligen Arbeitsamtes einen großen Fahrradständer quer auf die Moltkestraße. Auch hier war man sich nicht einig, wer die Hauptschuld trug.

Da zudem noch mehrere Betrugsfälle aufgearbeitet und, zum Teil auch bedingt durch die geänderten Aussagen, noch zahlreiche Zeuge gehört werden müssen, hat die Richterin zwei weitere Verhandlungstage anberaumt. Ob diese ausreichen werden, um zu einem Urteil zu kommen, wird sich zeigen. Denn nur eines ist in diesem Verfahren bislang sicher: Man muss auf alles gefasst sein.

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