Bücher standen in Flammen

Von der Bücherverbrennung auf dem Stadtfeld sind keine Fotografien bekannt. Diese Aufnahme stammt von einer ähnlichen Veranstaltung in Mecklenburg.
Von der Bücherverbrennung auf dem Stadtfeld sind keine Fotografien bekannt. Diese Aufnahme stammt von einer ähnlichen Veranstaltung in Mecklenburg.

Vor 80 Jahren: 5000 Menschen sahen zu, als Schleswiger NS-Größen politisch unliebsame Literatur vernichteten

shz.de von
21. Juni 2013, 03:59 Uhr

SCHLESWIG | Ein Mann des geschriebenen Wortes als Hauptakteur einer spektakulären Bücherverbrennung. Dr. Fritz Michel, seit 1923 Redaktionsleiter der Schleswiger Nachrichten, hatte sich frühzeitig in den Dienst der nationalsozialistischen Bewegung gestellt und ihr publizistische Unterstützung geleistet. So hatte sein Blatt die Leser auf die demonstrative Verbrennung von sogenanntem "undeutschen Schrifttum" eingestimmt, als gäbe es ein freudiges Stadtfest zu begehen: Die Bürger wurden aufgerufen, ihre Häuser mit Flaggen zu schmücken, sich in großer Zahl an den Umzügen zu beteiligen und der "Verbrennung von marxistischer Schundliteratur " beizuwohnen. Auch die "Brandrede" vor dem auf dem Stadtfeld aufgeschichteten Bücherstapel am Abend des 23. Juni 1933, also Sonntag vor 80 Jahren, hielt Michel.

Mit mehrwöchiger Verspätung war der Funke des in Berlin und anderen Universitätsstädten von der NS-Studentenschaft gelegten Flächenbrandes, der sich gegen verfemte Autoren und ihre Werke richtete, auf Schleswig übergesprungen. Die örtliche Regie der Kampagne "Wider den undeutschen Geist" hatte - in Ermangelung studentischer Initiativen in Schleswig - die Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation und die Deutsche Arbeitsfront.

Etwa 5000 Schleswiger und Bürger aus Nachbargemeinden strömten an diesem Freitagabend in drei langen Zügen unter Begleitung von Musikkapellen zum Versammlungsplatz. Die Literatur, die in ritualisierter Form in Flammen aufgehen sollte, wurde mit "an die zwanzig Blockwagen" zum Stadtfeld geschafft. Dabei handelte es sich um Druckwerke aus der Gewerkschaftsbibliothek, aber auch um Bücher und Magazine, die bei Hausdurchsuchungen beschlagnahmt worden waren, und um freiwillige Abgaben aus der Bevölkerung. Zusammen gekommen waren etwa 50 Zentner angeblicher "Schundliteratur", die von der Feuerwehr für die Verbrennung präpariert wurden.

Michels "Brand- und Feuerrede" war laut Presse eine "kernige Ansprache", in der er scharf den "undeutschen Geist" in weiten Teilen der Literatur brandmarkte, vor allem den Einfluss marxistischer Werke. "Geschäftstüchtige Buch- und Zeitschriftenverleger mit marxistischen Hintergedanken konnten das gemeinste, geilste und zersetzendste Zeug drucken. Und keiner war da, der diesem verderblichen Treiben einen Riegel verschob." Erst Hitler habe dem deutschen Menschen mit Erfolg begreiflich gemacht, "daß im Bereich jenes zersetzenden Geistes alles, aber auch alles am Verkommen und Verfallen war". Und weiter: "Für Fleisch gibt es Trichinenbeschauer, aber für die geistige Nahrung gab es kaum jemand, der die dicken Maden und Würmer auf dem Brote der Seele erkannte oder beim Namen nannte."

Bevor Fritz Michel die Männer der Freiwilligen Feuerwehr aufforderte, den Bücherberg mit einer Brandfackel anzuzünden, trug der Journalist und NS-Propagandist mit lyrischen Neigungen einen von ihm selbst verfassten "Feuerspruch" vor, dessen erster Vers folgenden Wortlaut hat: "Entzündet die Flammen/und lasset sie lodern!/Wir stehen frei und geeint zusammen/und wollen, dass Schmutz und Schund vermodern." Dazu sollten die Menschen die Hand erheben und die Worte mitsprechen: "Entzündet die Flammen/und lasset sie lodern..."

Zu den Autoren, deren Werke auf dem Scheiterhaufen landeten, zählte auch der Schriftsteller und Aufklärer Heinrich Heine (1797-1856). Von ihm stammen die prophetischen Worte "Dies war ein Vorspiel nur, dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen."

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