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Ausstellung zum 1. Weltkrieg : Briefe aus dem Schützengraben

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

„Kanonendonner hören wir schon“: Das Landesarchiv zeigt in Nachlässe von Schleswig-Holsteinern aus dem Ersten Weltkrieg.

von
erstellt am 09.Okt.2014 | 07:53 Uhr

Der Schleswiger Arnold Claussen verbringt die Weihnachtstage 1917 im Schützengraben an der Westfront. Am Heiligen Abend notiert er in sein Tagebuch: „Ich freute mich, noch eine Stulle geröstetes Brot zu besitzen, welche zu einer Flasche Wein verzehrt wurde. Nun aber schnell ins Erdloch, die Augen zugedrückt, um an nichts zu denken, wie trostlos dieser Tag verlebt werden mußte.“

Claussens Tagebuchaufzeichnung gehört zu jenen Nachlässen von Schleswig-Holsteinern, die dokumentieren, wie sie den Ersten Weltkrieg erlebt und empfunden haben – sowohl in den Schützengräben als auch an der Heimatfront. Ab morgen sind diese Selbstzeugnisse in der Ausstellung „Kanonendonner hören wir schon“ im Landesarchiv zu sehen. Feldpostbriefe, Tagebücher, Fotoalben, Zeichnungen – über Jahre schlummerten diese Dokumente auf 500 Regalmetern im Archiv. Jetzt, 100 Jahre nach Ausbruch des „Großen Krieges“, werden sie im Prinzenpalais in Auszügen erstmals der Öffentlichkeit präsentiert.

„Wir wollten bewusst nicht die große Politik und die Schlachtenverläufe in den Mittelpunkt stellen“, erklärt Landesarchiv-Direktor Rainer Hering. „Wir stellen die Menschen in den Mittelpunkt.“ Kuratorin Julia Liedtke ergänzt: „Die Briefe gewähren intime Einblicke in die Lebenswelten und Gefühle.“

Es sind vor allem die Soldaten aus dem Bildungsbürgertum, die während des Krieges mit den Angehörigen korrespondieren. „Man merkt es daran, dass die Briefe wohl formuliert sind und wenig Schreibfehler enthalten“, sagt Liedtke. Zugleich weist sie darauf hin, dass man den Briefen mit Vorsicht begegnen müsse. „Es ist viel Inszenierung dabei. Man muss schon zwischen den Zeilen lesen.“ Von den Schrecken des Krieges – etwa dem stundenlangen Artilleriefeuer oder dem Einsatz von Giftgas – findet sich kaum etwas in der Feldpost. „Die Männer wollten ihre Angehörigen nicht unnötig beunruhigen. Zudem konnte man die neue Dimension des Krieges kaum in Worte fassen“, erläutert Hering. Die Zensur des Militärs tat ihr Übriges.

Unübersehbar ist in den Aufzeichnungen die Euphorie, mit der die Soldaten 1914 ins Feld zogen. Die Begeisterung spiegelt sich in dem Titel „Kanonendonner hören wir schon“. Otto Graf zu Rantzau brachte diesen Satz in den ersten Kriegstagen zu Papier und versicherte: „Alle wollen an den Feind!“

Die Familien daheim beschäftigte derweil die ständige Sorge um den Ehemann, Sohn oder Bruder. Viele sahen ihren Liebsten nie wieder. So wie die Flensburger Familie Mester, deren 18 Jahre alter Sohn Heinrich im April 1914 in Flandern den „Heldentod“ stirbt. Die vom Kompaniefeldwebel verfasste Todesnachricht und die Traueranzeigen in der Zeitung gehören zu den stummen Zeugen des Grauens.

Arnold Claussen hat zumindest die Weihnachtstage 1917 überlebt. Über den Heiligen Abend heißt es in seinen Notizen weiter: „2 Uhr nachts höchste Alarmbereitschaft, da die Engländer ein paar Tanks in Bereitschaft hatten. Die Nacht über blieb es aber doch ruhig.“

> Die Ausstellung ist ab morgen bis zum 10. Juli 2015 im Landesarchiv Schleswig-Holstein zu sehen und zwar montags bis freitags von 8.30 bis 17 Uhr. Der Eintritt ist frei. Begleitet wird die Ausstellung von einer siebenteiligen Vortragsreihe. Diese beginnt am 30. Oktober, 19.30 Uhr. Dann referiert Dr. Kirsten Heinsohn aus Kopenhagen über das Thema „Selbstzeugnisse als historische Quelle“. Der Eintritt zu den Vorträgen beträgt 2 Euro.

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