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Landestheater im Klassenzimmer : Böses Erwachen nach der Party

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

„Kiwi on the Rocks“ im BBZ: Das Landestheater hat mit seinem neuen Klassenzimmer-Stück eine überzeugende Premiere gefeiert.

Es war eine Theater-Premiere der etwas anderen Art, und Peter Grisebach, der Generalintendant des Landestheaters, machte das besonders nervös: Zusammen mit einem halben Dutzend Mitarbeitern seines Hauses saß er gestern pünktlich um 9.30 Uhr in einem Klassenzimmer im Haus C des Berufsbildungszentrums (BBZ) und wartete. Als nach fünf Minuten noch immer keine Zuschauer da waren, hielt es Grisebach nicht mehr auf seinem Stuhl. Er verließ den Raum und suchte draußen nach der Klasse, die sich das Stück „Kiwi on the Rocks“ ansehen sollte.

Darstellerin Thyra Uhde hielt sich mit gymnastischen Übungen warm, bis die Schüler und ihr Lehrer schließlich doch noch eintrafen. Es war eine Berufsfachschulklasse mit Jugendlichen, die in diesem Jahr ihren Realschul-Abschluss machen. Sie waren etwas älter als die 15-jährige Kiwi, die Thyra Uhde in dem Ein-Personen-Stück verkörpert. Das Warten hatte sich gelohnt: Die Premiere wurde zum Erfolg. Das Landestheater hat mit seinem neuen Klassenzimmerstück den Lebensnerv der Jugend des Jahres 2014 ziemlich genau getroffen. Es geht um Alkohol und um Mobbing im Internet. Geschrieben hat es Daniel Ratthei. Der 35-Jährige ist im Hauptberuf selbst Schauspieler am Landestheater. Olaf Fuhrmann, Schulsozialarbeiter am BBZ, war begeistert von der Zusammenarbeit: „Wir konnten von Anfang an unsere Vorstellungen mit einbringen.“ So entstand die Geschichte eines Mädchens, das nur noch „Kotz-Kiwi“ genannt wird, seit ein Junge, der sie zuvor befingert hatte, sie mitten in ihrem Erbrochenen fotografiert hatte. Das Bild markierten 75 Leute auf Facebook mit „gefällt mir“.

Schüler mit Alkoholproblemen kennt Fuhrmann aus seinem Arbeitsalltag ebenso wie Konflikte, die auf Facebook entstehen. „Zehn Prozent unserer Schüler können mit den sozialen Netzwerken im Internet nicht verantwortungsvoll umgehen“, schätzt Fuhrmann. Mit den Folgen hatten auch schon einige der Schüler zu kämpfen, vor denen Thyra Uhde nun stand. In ihrer Rolle als 15-jährige Rendsburger Schülerin wirkte sie außerordentlich authentisch, so dass sie in der vergangenen Woche nach einer Probe vor anderen BBZ-Schülern gefragt wurde, ob sie in die Parallelklasse gehe.

Dabei ist Thrya Uhde seit dem vergangenen Jahr Mitglied im Landestheater-Ensemble. Anders als viele ihrer Kollegen kommt sie aus der Region; sie wurde 1990 in Eckernförde geboren. In ihrer Rolle redete sie, wie Schleswiger Schüler eben zu reden pflegen. Und so war es nach der Aufführung ein Leichtes für Theaterpädagogin Janina Wolff, Regisseurin Kathrin Mayr und Autor Ratthei, mit den Jugendlichen ins Gespräch zu kommen. Einer der Schüler erzählte ganz offen, wie er einmal im Alkoholrausch gestürzt war und sich blutig geschlagen hatte.

Manche Bemerkungen waren für die Theaterleute auch überraschend: Auf die Frage, was Kiwis Problem sei, sagte der 19-jährige Leif Wenzel: „Das schwierige Elternhaus.“ Daniel Ratthei entgegnete überrascht: „Ich finde ihre Eltern eigentlich relativ normal.“ Doch dass Kiwis Eltern sich mit routinierten Ermahnungen begnügten, nachdem ihre Tochter völlig derangiert von einer durchzechten Nacht nach Hause kam, das fanden einige Schüler am BBZ offenbar zu wenig. „Wenn ich manche Frauen in der Disco sehe, die erst 14 oder 15 sind, frage ich mich, wie die da reinkommen“, sagte Leif Wenzel. Ratthei indes wollte vor allem an die Eigenverantwortung der Jugendlichen appellieren. „Ich will nicht, dass Alkohol verboten wird, das wäre ja völliger Quatsch. Aber es gibt den Moment beim Trinken, an dem jeder selbst entscheiden kann, dass es genug ist. Man kann nein sagen, einfach nach Hause gehen oder lieber ein Wasser trinken.“

Gestern Abend zeigte Thyra Uhde ihr Stück noch einmal – vor rund 80 Lehrern und Schulsozialarbeitern. Schulen können sie jetzt buchen. Auf Anfrage unter Tel. 0 46 21/96 70 52 spielt sie in Klassenzimmern in ganz Schleswig-Holstein.

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erstellt am 05.Nov.2014 | 18:50 Uhr

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