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Schulprojekt am Stadtfeld : Blick in die dunkle Zeit der Psychiatrie

vom
Aus der Redaktion der Schleswiger Nachrichten

Pflegeschüler beschäftigen sich mit der Geschichte von Irrenanstalt und Landeskrankenhaus am Stadtfeld und auf dem Hesterberg.

von
erstellt am 10.Apr.2014 | 07:45 Uhr

Mit traurigen Augen und mit der alten Krankenschwester-Haube ihrer Großmutter betrat Inessa Kraft den Saal im Bildungszentrum für Pflegeberufe am Stadtfeld. „Ich wollte doch nur Menschen helfen“, sagte sie. „Statt dessen wurde ich Irrenwärterin.“ Ihr Auftritt gehörte zu den Höhepunkten einer Präsentation mit vielen schauspielerischen Einlagen, mit der 20 Krankenpflege- und Altenpflegeschüler eintauchten in die Geschichte der Psychiatrie. Sie gingen zurück bis ins alte Rom, wo man Geisteskranken mit Kopfmassagen zu helfen versuchte und ins ausgehende Mittelalter, als man glaubte, dass Menschen vom Teufel besessen waren, wenn sie sich nicht so verhielten, wie es üblich war.

Den größten Raum aber nahm ein besonders dunkles Kapitel der jüngeren Schleswiger Geschichte ein, dessen Kulminationspunkt der Abend des 14. September 1944 war. An jenem Tag wurden mehr als 700 Patienten der Heil- und Pflegeanstalt am Stadtfeld und am Hesterberg quer durch die Stadt getrieben. Sie wurden abtransportiert nach Meseritz-Obrawalde im heutigen Polen, rund 60 Kilometer östlich von Frankfurt an der Oder. Dort erwartete sie der sichere Tod.

Schülerin Jaqueline Hansen schlüpfte als „Frau Niemand“ in die Rolle einer möglichen Überlebenden – angelehnt an den Lebensbericht von Fritz Niemand (1915-2012). Sie erzählte, wie sie mit Depressionen in die Anstalt eingeliefert wurde, wie man sie zwangsweise sterilisierte und wie sie später im Lager immer weiter abmagerte, aber Glück hatte, nicht sofort per Ferndiagnose zur Tötung bestimmt worden zu sein – und wie es ihr nach dem Krieg erging. Ihr erster Antrag auf Anerkennung als Verfolgter des Nazi-Regimes wurde abgelehnt. Ihre Mutter hätte der Sterilisierung ja zugestimmt, hieß es. „Aber sie wurde doch dazu gezwungen“, sagte Frau Niemand.

Und wer waren die Täter? Waren es Menschen wie die „Irrenwärterin“, die Inessa Kraft verkörperte? „Als Krankenschwester haben sie mich nicht genommen, und so landete ich im Irrenhaus“, erzählte sie. Dort habe sie doch nur ihre Anweisungen befolgt. Eine Zwangssituation, meinte Inessa Kraft anschließend „Ich glaube, auch ich hätte nichts dagegen tun können, wenn ich Irrenwärterin gewesen wäre.“ Das ist eine Einschätzung, die die heutige Kliniksprecherin Inke Asmussen nicht uneingeschränkt teilt. „Studien haben ergeben, dass Mitarbeiter, die sich geweigert haben, schlime Dinge zu tun, ohne schwere Konsequenten davonkamen.“

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