Bismarcks "rechte Hand"

Christoph von Tiedemann war sechs Jahre einer der engsten Berater des Reichskanzlers von Bismarck.
Christoph von Tiedemann war sechs Jahre einer der engsten Berater des Reichskanzlers von Bismarck.

Ein in Schleswig geborener Jurist war von 1878 bis 1884 Chef der Berliner Reichskanzlei

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28. März 2012, 07:26 Uhr

Schleswig | Ein gebürtiger Schleswiger war einer der wichtigsten Mitarbeiter und engsten Vertrauten von Reichskanzler Otto von Bismarck: Christoph von Tiedemann fungierte mehrere Jahre als Chef der Reichskanzlei und arbeitete Bismarck als dessen rechte Hand zu. "Mein damaliger Beistand für vertrauliche Geschäfte", so charakterisierte Bismarck in seinen 1898 gedruckten "Gedanken und Erinnerungen" Geheimrat Tiedemann, der in seiner Bromberger Zeit 1883 in den Adelsstand erhoben wurde. Der Reichskanzler folgte meist den Empfehlungen seines zuverlässigen Beraters, so dass gelegentlich schon mal von einer "Tiedemann-Bismarckschen Politik" die Rede war.

Geboren wurde er in Schleswig am 24. September 1836 als Sohn des Landinspektors, Gutsbesitzers und Ständeversammlungsabgeordneten Heinrich Tiedemann. Der Junior erhielt Unterricht durch Hauslehrer und besuchte die Gymnasien in Rendsburg und Meldorf. Erste berufliche Pläne beim Militär zerschlugen sich. So entschied sich Christoph Tiedemann für ein Studium der Rechtswissenschaften. Er bezog zunächst die Universität in Kiel, wo er sich nach eigenen Worten "kopfüber in den Strudel des Studentenlebens" stürzte. Bald aber wechselte er nach Leipzig, wo er zum ersten Mal regelmäßig Vorlesungen besuchte, und anschließend nach Berlin. 1861 bestand er sein Staatsexamen vor dem Ober-Appellationsgericht in Kiel, "nicht ohne Schwierigkeiten, denn fleißig im eigentlichen Sinne war ich nie gewesen", wie er einräumte.

Für den jungen Juristen bildete das Amtssekretariat in Segeberg, in dem eine Advokatenstelle freigeworden war, die erste Stufe auf der beruflichen Karriereleiter. Die nächste Station war das Amt des Landvogts und Deichgrafs der Landschaft Stapelholm. Sein benachbarter Amtskollege war kein Geringerer als Theodor Storm. Sie pflegten nicht nur beruflichen Kontakt, es entwickelte sich eine Freundschaft zwischen den Familien Tiedemann und Storm.

Tiedemann wurde 1865 zum Polizeimeister von Flensburg berufen und nahm nicht ohne Wehmut Abschied vom Süderstapeler Idyll, "das zu den glücklichsten Episoden meines Lebens gehört". 1870 avancierte er zum Dezernenten in der Regierungsabteilung des Berliner Polizei-Präsidiums.

Nach einem Intermezzo als Landrat des Kreises Mettmann im Rheinland wurde er von Bismarck in das preußische Staatsministerium berufen - zunächst als Geheimer Regierungs- und vortragender Rat, ab Mai 1878 als Chef der neugegründeten Reichskanzlei. Damit verwaltete und gestaltete er eine Schlüsselposition innerhalb des Berliner Regierungsapparates - eine aufreibende Aufgabe, die kaum Spielraum ließ für ein Privatleben. Da er seinen getreuen Mitarbeiter sehr schätzte, entsprach Bismarck nur widerwillig Tidemanns Wunsch, nach sechsjähriger Tätigkeit im Staatsministerium aus dem Amt ausscheiden zu dürfen. Er quittierte seinen Dienst im hektischen Berlin und zog sich mit seiner Familie in das zwar gesellige, aber weniger aufregende Bromberg in Westpreußen zurück. Dort übernahm er das Amt des Regierungspräsidenten. In seiner Bromberger Amtszeit setzte er sich maßgeblich für eine Stärkung des Deutschtums in dieser Ostregion ein und schickte Bismarck regelmäßig Berichte über den Fortschritt bei diesen Bemühungen. Bis 1899, also immerhin 18 Jahre, stand er an der Spitze der Provinzialregierung, dann verabschiedete er sich aus dem Staatsdienst.

Tiedemann gehörte als einer der Sprecher der Freikonservativen/Deutsche Reichspartei von 1873 bis 1903 dem preußischen Abgeordnetenhaus an. Mitglied des Deutschen Reichstages war er seit 1898. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem wurde er Großoffizier des Japanischen Ordens der aufgehenden Sonne.

Während seines Ruhestandes, den er in Berlin verlebte, schrieb er an seinen Memoiren. Der erste Band ("Schleswig-Holsteinische Erinnerungen") erschien 1905. Die Veröffentlichung des Folgebandes ("Sechs Jahre Chef der Reichskanzler unter dem Fürsten Bismarck") konnte er nicht mehr selbst erleben: Er starb am 20. Juli 1907 in Berlin. Sein Sohn, der Generalstabsoffizier und Afrikaforscher Adolf von Tiedemann, besorgte 1909 die Drucklegung dieses Bandes, der ausschließlich Bismarck gewidmet ist.

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