Schleswig : Azubi für einen Tag

Bankgeschäfte: Melina Meyer (li.) weist Heen Mohammad aus Syrien ein.
Bankgeschäfte: Melina Meyer (li.) weist Heen Mohammad aus Syrien ein.

Aktion der Wirtschaftsjunioren Schleswig: Sechs Betriebe geben jungen Leuten mit bisher wenig beruflicher Perspektive neue Einblicke

shz.de von
30. November 2016, 12:00 Uhr

Was hat Pascal Kühr (18) an diesem Tag mit Mohamed Awale aus Somalia vor? „Er wird Patienten umlagern, den Puls messen und den Blutzucker-Wert bestimmen“, sagt er.

Wie ihr Arbeitsalltag von der ersten bis zur letzten Minute aussieht – das haben gestern neben Pascal Kühr auch die Auszubildenden Melina Meyer und Philipp Kukla jeweils einem etwa gleichaltrigen Praktikanten vorgeführt. Sozusagen auf Augenhöhe. Dahinter steckt eine Idee der Wirtschaftsjunioren Schleswig, die diese Aktion „Ein Tag Azubi“ zusammen mit dem Kreis Schleswig-Flensburg sowie dem Jugendmigrationsdienst des Diakonischen Werks organisiert haben. Dabei sollen junge Leute mit Problemen auf dem Arbeitsmarkt einen Eindruck von der Ausbildung in einem Betrieb erhalten. Acht Jugendliche begleiteten so Ausbildende bei der Arbeit.

Sechs Betriebe haben bei der Aktion mitgemacht: das Helios-Klinikum, die Nord-Ostsee-Sparkasse, I.D. Sievers, die Schleswiger Stadtwerke, die Tischlerei Jensen in Busdorf und das Baugeschäft Autzen in Treia. Thorsten Bruhn, Projektleiter bei den Wirtschaftsjunioren, erklärt: „Die interessierten jungen Leute bekommen hautnah Einblicke in eine neue Arbeitswelt.“

Pascal Kühr aus Lürschau, der in diesem Sommer sein G8-Abitur an der Lornsenschule abgelegt hat, verfügt gerade mal über zweieinhalb Monate Arbeitspraxis als Krankenpfleger-Lehrling in der Chirurgischen Abteilung des Helios-Klinikums. Nach der Schule sei es ihm wichtig gewesen, erstmal eine dreijährige Ausbildung zu machen, meint er. Mit dieser Praxiserfahrung im Rücken will er sich dann entscheiden, ob anschließend ein Studium („wahrscheinlich etwas mit Medizin“) für ihn in Frage kommt. Schon jetzt wirkt er recht souverän auf seiner Station. Ihm gefalle seine Tätigkeit sehr, vor allem der Umgang mit den Patienten, sagt er.

Davon zeigt sich Mohamed Awale (23), der vor sechs Jahren aus Somalia hierher flüchtete und in Schleswig lebt, sichtlich beeindruckt. Er habe bisher bei Amazon malocht, berichtet Mohamed, jetzt strebt er eine richtige Ausbildung an. „Vielleicht auch als Krankenpfleger“, meint er im SN-Gespräch. Obwohl er bis 2014 in Bayern lebte, wo er auch den Sprachkurs besuchte, spricht er dialekt-freies Deutsch. „Es muss noch besser werden“, räumt er ein, aber er arbeite daran. Jetzt geht er erstmal mit seinem Tages-Coach Pascal zum Blutdruck-Messen ins Patientenzimmer.

Anderer Betrieb, andere Arbeit: Melina Meyer (17) aus Sollerup befindet sich im zweiten Lehrjahr bei der Nord-Ostsee-Sparkasse (Nospa) im Stadtweg und lässt gerade die 19 Jahre alte Heen Mohammad aus Syrien eine Banküberweisung ausfüllen. „So habe ich das auch gelernt“, sagt Melina, die sich ebenfalls über ihren gewählten Ausbildungsberuf begeistert äußert. „Ich wollte schon immer zur Bank, es ist mein Traumjob“. Ihre Begeisterung könnte noch auf die Syrerin, die arabisch, kurdisch, Englisch, Französisch und jetzt auch Deutsch spricht, überspringen. Sie hat in ihrem Heimatland Abitur gemacht. „Eigentlich wollte ich gern Regisseurin werden, aber bei einer Bank, das finde ich auch toll“, sagt sie.

In der Herrenabteilung von I.D Sievers hat der 20-jährige Philipp Kukla (drittes Lehrjahr) gerade seinem „Schützling“ Sunny Ahuja (24) aus Kabul in Afghanistan gezeigt, wie die Ware ansprechend präsentiert wird. Der Afghane ist seit viereinhalb Jahren in Deutschland, hat auf dem BBZ in Schleswig seinen Hauptschulabschluss nachgemacht – und spricht ein beeindruckend flüssiges Deutsch. Leider habe er nur den „Geduldet“-Status, bedauert er, aber er dürfe Arbeit annehmen und eine Ausbildung machen. Wie sein Arbeitsalltag als Auszubildender im Einzelhandel aussähe, hat ihm Philipp Kukla gezeigt – dabei sagt er: „Ich bin sehr zufrieden mit meiner Berufswahl: „Ich mag Mode sehr, die schönen Stoffe und alles, was hier dazu gehört.“ Ahuja nickt und lächelt: „Das würde ihm auch gefallen“, sagt er.

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